(70) „Ich hatte ein erfülltes Leben.“

von Alain Fux

„Ich hatte ein erfülltes Leben. Solange ich auf die Geschichte meiner Familie zurückblicken kann, hatten wir immer außergewöhnliches Glück gehabt und so kam eines zum anderen. Wir sind sehr wohlhabend“, erklärte Leitner. „Ich habe keinen Erben und möchte deshalb mit meinem Geld Gutes tun, wenn ich selbst einmal nicht mehr bin.“ Rossbach lehnte sich im Sessel nach vorn und sprach: „Lieber Herr Leitner. Ich denke, ich spreche im Namen aller Bürger unseres Städtchens. Wir sind alle sehr stolz auf Sie und würden uns außerordentlich geehrt fühlen, wenn wir dazu beitragen könnten, Ihren Namen zu bewahren.“ – „Das haben Sie sehr schön gesagt, Herr Bürgermeister. In der Tat geht es mir um den Namen meiner Familie. Ich habe mir etwas überlegt.“

Leitner erzählte, dass ein Großteil des Vermögens der Familie in den Kolonien entstanden war. Die Leitners waren aber sehr moderate Kolonialherren gewesen, keine Beteiligungen an Massakern, Sklavenhandel oder dergleichen. Handelsleute ja, Unmenschen nicht. Aus der Zeit gebe es eine Vielzahl von Artefakten, die teilweise katalogisiert, teilweise noch nicht, aber alle hervorragend konserviert seien. Zusammen mit einer erklecklichen Geldsumme wolle er diese Artefakte unschätzbaren Wertes der Gemeinde stiften. Der Bürgermeister wartete auf das Wort „Museum“ und kurz darauf fiel es auch. Ein Leitner-Museum solle es werden, ja warum denn nicht in diesem tollen neuen Gemeindehaus, das eigentlich doch etwas zu groß war für seine Zwecke, aber das würde sich noch ergeben. Der Bürgermeister bekräftigte noch einmal seine große Freude über die Möglichkeit, einen so erfolgreichen Sohn der Gemeinde zu ehren, wies gleichzeitig aber auch auf die bescheidenen Geldmittel der Stadt hin. Deshalb sei eine finanzielle Hilfe von großer Bedeutung. Er könne sich aber sehr gut vorstellen, im Gemeindehaus ein Leitner-Museum einzurichten.

Natürlich wäre es ihm lieber gewesen, die Erbschaft für die Gemeinde zu sichern, ohne die Einrichtung eines Museums zu versprechen. Aber so waren die Spielregeln. Man würde sehen.

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