Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Mai, 2015

(97) Ben war sich nicht sicher gewesen…

Ben war sich nicht sicher gewesen, ob Clara die Richtige war. Sie hatten sich bei einem Dinner mit gemeinsamen Freunden kennen gelernt und er hatte sofort Feuer gefangen. Sie trug ein smaragdgrünes Kleid mit tiefem Ausschnitt und er hatte darauf gebrannt, zu erfahren, wie ihre Brüste ohne dieses Kleid aussehen würden. Die Formen von außen waren klar definiert und er konnte es sich sehr gut vorstellen, aber es fehlte ihm der Beweis. Sie trug keinen BH und die Kette mit der goldenen Muschel hing tief in ihrem Ausschnitt. Am liebsten hätte er seinen Zeigefinger zwischen ihre zweifellos etwas schwitzigen Brüste gesteckt und dann in die Hautfalte unterhalb. Er war fasziniert. Ihre Augen hatten die Farbe ihres Kleides und ihre gelockten blonden Haare fielen wie eine duftig-dekadente Pyramide über ihre Schultern. Sie war für ihn gemacht. Ständig kehrten seine Augen zu ihrem Ausschnitt zurück. Das Licht beschien sie von beiden Seiten, daher schien ihr Busen von einer so lebendigen Plastizität, dass es ihn schier um den Verstand brachte.

Nach dem Essen fuhr er sie nach Hause. Zu sich nach Hause. Gleich hinter der Wohnungstür waren sie übereinander hergefallen. Er hatte noch nie so oft Sex gehabt wie in jener Nacht. Irgendwann mussten sie beide bewusstlos geworden sein. Gleich am nächsten Morgen um neun Uhr, als er die Augen aufschlug und ihre perfekten Brüste im Sonnenlicht beschaute, hatte er gleich wieder Lust gehabt und sie geweckt. Um zehn Uhr hatte er ihr einen Heiratsantrag gemacht, den sie annahm. Um zwölf Uhr bekam er leichte Zweifel, weil sie die Zahnpastatube nicht verschlossen hatte. Ein weiterer Blick auf sie, als sie wieder angezogen vor ihm stand und er die Muschel in ihrem Ausschnitt sah, genügte aber als Schlüsselreiz. Er vergaß augenblicklich alle Bedenken. Sie sollte seine Frau werden.

So geschah es auch. Clara wurde für Bens Karriere sehr förderlich und war eine Zierde an seiner Seite bei allen gesellschaftlichen Ereignissen.

Bis er Dorothea kennen lernte. Sie waren sich bei einem Dinner bei gemeinsamen Freunden begegnet und er hatte sofort Feuer gefangen.

(96) Ben Endzweig war ganz sachlich…

Ben Endzweig war ganz sachlich, als Peggy eine Woche später anrief und sich erkundigte, wann die Produktion von ‚Swinging by‘ stattfinden würde. Er erklärte ihr, dass die Studioaufnahmen bereits abgeschlossen seien. Peggy war still. Endzweig fragte, ob sie noch dran sei und dann, ob sie den Vertrag missverstanden habe? Er habe die Rechte an dem Song gekauft. „Das heißt, ‚Swinging by‘ wird nicht von BTK eingespielt?“ – „Nein“, antwortete er, „das habe ich auch nie gesagt. BTK ist eine Punkband, das würde gar nicht zu der Serie passen.“ Es war wieder still in der Leitung und dann sprach sie mit gebrochener Stimme: „Ich habe verstanden. Das war dann wohl ein Missverständnis…“ Sie legte auf.

Ben fand die Vorstellung abstrus, dass die speckigen Punkrocker den Song spielen würden. Er war am Tag vorher bei der Aufzeichnung dabei gewesen. Neues Arrangement, opulente Streicherpassagen von Studiomusikern eingespielt, perfekte Professionalität. Die Vorabmischung mit dem Videotrack des Serientitels hatte perfekt gepasst. Der Entwicklungsregisseur hatte ihm auf die Schultern geklopft. Alle waren happy. Eigentlich unvorstellbar, dass dieser tolle Song von diesen kaputten Punkern kommen konnte. Er lehnte sich in seinem Ledersessel zurück und drehte sich zufrieden zum Fenster, durch das die warmen Strahlen der Mittagssonne fielen. Ein Gedanke ging ihm durch den Kopf. Er drehte sich zurück zum Schreibtisch und ergriff noch einmal den Telefonhörer. Mit einem Tastendruck wählte er die letzte Nummer. Peggy war in der Leitung, sie schien zu weinen. „Ich rufe an wegen des Vertrags und weil es wegen des Inhalts wohl ein Missverständnis gab. Deshalb wollte ich Sie darauf hinweisen, dass wir den Song gekauft haben und dass ohne unsere Zustimmung BTK den Song nicht mehr spielen darf.“ Er machte eine Pause, Peggy schwieg. „Und ich kann Ihnen bereits jetzt sagen, dass unsere Produktionsfirma BTK diese Erlaubnis leider nicht geben wird, weil es nicht im Interesse der Serie sein würde. Das wollte ich noch einmal klarstellen. Alles Gute, Ihnen und der Band. Grüßen Sie Ted von mir. Wirklich ein Wahnsinnssong.“ Er legte auf und drehte sich wieder zu dem hellerleuchteten Fenster hin.

(95) ‚Pinhead‘ kommt als zweitletzter Song auf die Setlist.

„‚Pinhead‘ kommt als zweitletzter Song auf die Setlist“, Ted biss in den Bleistiftstummel. „Und ‚Swinging by‘ kommt an den Schluss. Der Typ von der Produktionsfirma wollte in der zweiten Hälfte hier auftauchen.“ – „Warum kommt er, das Stück hat er doch schon auf Tape gehört…“ – „Er will halt ein besseres Gefühl für uns bekommen, schätze ich“, antwortete Ted und klopfte seinem Schlagzeuger auf den Stahlhelm. Darauf war mit weißer Farbe ‚Born to Kill‘ aufgepinselt.

Es war verrückt. Nach der Rückkehr aus dem Urlaub hatten sie das neue Stück schnell in ihrem Kellerstudio einstudiert und aufgenommen. Ted schickte immer noch Demotapes an diverse Leute, er hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Drei Monate später bekam er einen Anruf von Ben Endzweig, einem Stoffentwickler von einer Fernsehproduktionsfirma. Er habe ‚Swinging by‘ von einem befreundeten Musikjournalisten erhalten. Momentan sei er auf der Suche nach Musik für eine neue Serie und ‚Swinging by‘ könnte passen. Ob er die Band mal live hören könne.

Nach dem Telefonat hatte Ted einen Jubelschrei ausgestoßen und Peggy fest an sich gedrückt und geküsst. Sie riet zu Zurückhaltung und Vorsicht. Ted hörte nicht zu und rief die Jungs an. Mit einem alten Kumpel, der mehrere Nightspots betrieb, machte er aus, dass sie in zwei Wochen einen Gig in einem seiner Clubs haben würden. Und so kam der Abend, an dem Ted den Besuch des Produzenten erwartete. Endzweig tauchte auch wirklich auf, etwa nach zwei Dritteln der Setlist. Peggy nahm ihn in Empfang und machte Ted zur Bühne hin das verabredete Zeichen. Das Cover von Pinhead heizte das treue Fanpublikum noch weiter an und dann kam ‚Swinging by‘. Ted und die Jungs gaben alles. Die Fans ebenfalls. Viele wussten, dass es an dem Abend um etwas Besonderes ging und waren aufgeregt, dass BTK endlich Erfolg haben könnte.

Nach zwei Zugaben (‚Blitzkrieg Bop‘ und noch einmal ‚Swinging by‘) begrüßte Ted Ben Endzweig selbst.

Ben war begeistert von dem Song und versprach Ted für den nächsten Tag einen Vertragsentwurf. Sie stießen mit Bierflaschen auf das Geschäft an. Den Vertrag erhielten sie wirklich am nächsten Tag, sogar per Kurier. Die Summe, die Ben für den Song bot, war mehr Geld, als die Band in den letzten zehn Jahren bei ihren Gigs eingenommen hatte. Peggy verhandelte mit Endzweig und konnte den Betrag sogar noch erhöhen. An dem Tag, als das Geld auf dem Konto war, gingen Ted und Peggy mit den Jungs groß aus. „Jetzt haben wir es geschafft: ‚Born to Kill‘ wird endlich bekannt.“

(94) Ted hatte sich wirklich um nichts kümmern müssen.

Ted hatte sich wirklich um nichts kümmern müssen. Peggy, ganz die perfekte Organisatorin, hatte alles im Griff. Die Buchungen, die Transfers zum Flughafen und am Zielort zum Hotel, sogar das Packen hatte sie für ihn erledigt.

Als Ted im Hotel seinen Koffer öffnete, stockte ihm der Atem: Peggy hatte ihm neue T-Shirts, Hosen, Shorts und so weiter gekauft, in hellen Farben, ganz wie das Zeug, das Touristen trugen. „Aber ich bin Punkrocker“, beteuerte er ihr, worauf sie ihn auslachte und ihm sagte, er solle mal die Shorts anziehen, sie wolle zum Strand gehen. Er tat es, kam sich aber wie der letzte Spießer darin vor. Aus Protest trug er noch einen weiteren Tag das schwarze Ramones-T-Shirt, das er am Reisetag angezogen hatte. Am nächsten Morgen war es verschwunden und er wagte nicht, Peggy danach zu fragen.

An einem der Urlaubstage waren sie zu einem antiken Hafen hinaus spaziert und genossen den Schatten der hohen Bäume. Es gab einen alten Weg, der auch im Reiseführer verzeichnet war. Von dort sollte man von der Seeseite her eine herrliche Aussicht auf den neuen Hafen haben. Peggy wollte unbedingt diese Strecke erkunden. Allerdings brauchte man dafür einen Führer. An einem im Reiseführer erwähnten Treffpunkt fanden sie einen Einheimischen mit Matrosenmütze, der ihnen den Weg zeigen wollte. Neben Peggy und Ted gehörten noch drei andere Paare der Expedition an.

An einer Stelle des Weges war der alte Pfad komplett weggebröckelt und es war eine Lücke entstanden, durch die man tief unten die Brandung an den Steilfelsen erblickte. Die Wanderer mussten sich an einem Felsen festhalten, während sie auf die andere Seite der Bresche pendelten. Ted sah nervös zu, wie Peggy den Abgrund ohne Probleme bezwang. Jetzt waren nur noch er und der Matrose zurück geblieben. Der Matrose machte eine einladende Handbewegung, aber Ted schüttelte den Kopf. Der Matrose rollte die Augen. Er erklärte Ted, dass es eine Alternative gebe, die er aber sonst nur für kleine Mädchen anwenden würde. Dabei grinste er verächtlich. Ted hatte keine andere Wahl. Der Matrose hielt sich mit einem Arm am Felsen fest, umklammerte mit der anderen Hand Ted an der Taille und stieß sich ab. Mit Ted an der Außenkante umzirkelten sie den Abgrund. Ted wurde flau im Magen, aber dann standen sie auch schon wieder auf dem Pfad. Seine Knie zitterten, der Matrose lachte und zeigte eine Zahnlücke unten rechts. Peggy hatte die Aktion fotografiert. „Nicht fair“, murmelte Ted, „wehe, du zeigst das Bild den Jungs.“

An dem Abend legte Peggy sich früh ins Bett. Ted blieb auf dem Balkon sitzen mit einem reichen Vorrat an Bier, Whiskey und Zigaretten. Wenn er schon den Urlaub, auch noch in Spießerklamotten, über sich ergehen lassen musste, wollte er wenigstens abends etwas Spaß haben. Seine aufregende Erfahrung des Nachmittags verarbeitete er in einem neuen Song, ‚Swinging by‘, den er zu Ende schrieb, bevor er betrunken auf dem Klappsessel einschlief.

(93) Ted, ich will, dass das Bad noch in diesem Jahr renoviert wird.

„Ted, ich will, dass das Bad noch in diesem Jahr renoviert wird. Am günstigsten ist es im Sommer, wenn es warm ist.“ Peggy war ungehalten. Seit sie vor drei Jahren in das Haus am Rande der Stadt gezogen waren, lag sie Ted damit in den Ohren. Natürlich hätte die Badsanierung vor dem Einzug passieren sollen, aber dazu war damals keine Zeit gewesen. Ted verbrachte sehr viel Zeit mit seiner Band BTK und die Jungs träumten auch heute noch davon, einen Charterfolg zu landen. Peggy wollte ihn nicht entmutigen, aber sie wusste, dass die Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs im 31. Jahr nach der Bandgründung gegen Null tendierte. Glücklicherweise hatte Ted einen festen Job bei der Gemeindeverwaltung. Deshalb ließ sie ihm die Freude, ein Mal in der Woche mit den Jungs zu proben und sich dabei eine glänzende Zukunft auszumalen. Nur bei manchen Dingen wie der Badrenovierung wurde sie stinkig, wenn er sich ständig aus der Verantwortung stahl. Dann war es höchste Zeit und Ted bemühte sich, Peggy zufrieden zu stellen. Er wusste, was er an ihr hatte.

Nach seiner Hippie- und Hausbesetzerzeit war Ted Punker geworden und gründete BTK, eine Punkrock-Band. Der Name bedeutete ‚Born to Kill‘. Über die Jahre entwickelten die Band eine treue Fangemeinschaft, aber der große Durchbruch war nie gekommen. Peggy hatte während der Anfangsjahre mit Ted ihr Jurastudium abgeschlossen und arbeitete in einer Anwaltskanzlei als Archivarin. Das regelmäßige Gehalt half Ted, die Band über die Jahre zusammenzuhalten. Allerdings ging das anfängliche Lodern von BTK über in ein Flackern, ein Glühen und dann in ein Glimmen. Die Bandmitglieder waren Punkrocker in ihrer Freizeit, so wie andere zum Fußball gingen oder sich im Sommer am Fluss zum Grillen trafen.

Peggy fügte hinzu: „Außerdem will ich, dass wir dieses Jahr in den Urlaub fahren. Das Hotel habe ich bereits ausgewählt. Es gibt keine Widerrede. Wir fliegen im August und im September renovierst du das Bad.“ Der Punkrocker nickte.

(92) Oban setzte sich an den Schreibtisch vor dem Fenster.

Oban setzte sich an den Schreibtisch vor dem Fenster. Von dort aus konnte er einen weiten Teil der Stadt überblicken. Er klappte seinen Laptop auf und schaltete ihn damit wieder ein. Er öffnete die Datei ‚memoiren.docx‘. Die ersten Worte waren: ‚Und wir sind doch nicht allein… von John Oban‘. Er blätterte zu Seite 109 und las den letzten Absatz.

‚Es war eine Arbeitersiedlung aus den Anfangszeiten der Industrierevolution, in die wir einzogen. In der Nähe waren neue Häuserblocks gebaut worden und die Einwohner hatte man nach dort umgesiedelt. Zu sechst besetzten wir eines der leer stehenden Häuser und arbeiteten daran, es wieder instand zu setzen. Das war harte Arbeit. Wir versuchten, aus den anderen Häusern das Beste von allem zu organisieren und es bei uns einzubauen, zum Beispiel eine Badewanne oder Klosettschüsseln. Wir hatten ja kein Geld, um etwas Neues zu kaufen.

Wir waren sechs junge Leute: vier Jungs, darunter Ted, und zwei Mädchen, darunter Peggy. Ted kannte ich noch aus der Grundschule, er hatte mich in die Gruppe geholt. Alle kannten jeweils einen oder maximal zwei der anderen, es war mehr wie eine Kette. Damals war auch die Zeit der freien Liebe und wir haben diese Freiheit genossen. Genauso wie es für uns kein Eigentum gab und unser Haus für alle offenstand, so gab es auch keine feste Beziehung. Wir teilten alles.‘

Oban schlug ein Notizbuch auf und las in seinen Notizen. Dann schrieb er weiter.

‚Einmal kehrte ich mit Ted von einer Tour zu anderen Häusern zurück und wir trugen einen schweren Eisenofen auf zwei Holzbalken. Als wir uns unserem Haus näherten, bemerkten wir einen Streifenwagen davor. Wir hatten schon vorher Kontakt mit der Polizei gehabt, aber da die Stadt noch nicht entschlossen hatte, was mit dem Gelände passieren sollte, waren wir zunächst geduldet, wenn auch nicht erwünscht.

Wir stellten den Ofen ab und schlichen von der Seite ans Haus, um herauszufinden, worum es ging.

Ted zischte mir zu und winkte mich zu sich hinüber. Vorsichtig schauten wir über das Fensterbrett hinein in unseren Gemeinschaftsraum. Auf dem Esstisch lag Peggy. Rechts und links davon zwei Polizisten. Ihr Kleid war hochgeschoben, einer hatte seine Hand zwischen ihren Beinen. Bei dem anderen hatte sie die Hand im Hosenschlitz. Ted feixte.

Mich machte es betroffen, denn ich mochte Peggy sehr gern und, freie Liebe hin oder her, mit ihr hätte ich mr eine feste Beziehung gewünscht. Wir warteten, bis die Polizisten wieder wegfuhren und gingen dann hinein. Peggy erzählte uns, dass die beiden sehr freundlich gewesen seien und in der Siedlung nach dem Rechten schauten – sie wollten verhindern, dass sich dort Kleinkriminelle niederließen. Peggy meinte, sie habe die beiden scharf gefunden in ihren Uniformen und so habe das eine das andere ergeben. In diesem Augenblick war mir Peggy schlagartig fremd geworden. Nach ein paar Tagen merkte ich, dass das Gemeinschaftsgefühl mir ebenfalls abhanden gekommen war. Bei einem Vorsprechen lernte ich einen anderen Schauspieler kennen und zog mit ihm zusammen. So war ich indirekt von der Polizei zwangsgeräumt worden. Peggy und Ted haben später geheiratet und wir sind weiterhin in gutem Kontakt.‘

(91) Als Oban den Veranstaltungsraum verließ…

Als Oban den Veranstaltungsraum verließ, wartete Franziska draußen auf ihn. Bereits während des Vortrags war sie ihm aufgefallen in ihrem perfekt sitzenden Kostüm, der cremefarbenen Seidenbluse und der Perlenkette. Sie lächelte ihm zu und schlug die Augen nieder. „Entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen auflauere. Nachdem alle weg sind, habe ich mir gedacht, ob wir vielleicht noch ein paar Worte wechseln können.“ – „Aber natürlich“, antwortete Oban und lächelte zurück. „Der Vortrag war etwas kurz, Sie haben bestimmt noch Fragen. Womit kann ich Ihnen dienen?“ Sie meinte, ob man sich nicht an einem ruhigen Ort unterhalten könnte. Er schlug vor, dass sie sich in die Bar setzten, um die Zeit sei es da sehr ruhig. „Nein“, antwortete sie, „das wäre nicht gut.“ Er solle es nicht persönlich nehmen, aber es würde ihrer Ehe schaden, wenn man sie mit ihm zusammen sehen würde. Auch wegen der Klatschreporter, die vielleicht gerade noch in der Bar lauerten. Er blickte sie prüfend an und sagte dann: „Na schön, ich habe Suite 167. Kommen Sie in fünf Minuten nach.“ – „Danke für Ihr Verständnis“, hauchte sie. „Wir sehen uns gleich.“

Sie klopfte leise, aber bestimmt. Er öffnete die Zimmertür und ließ sie herein. „Sie haben sich umgezogen“, bemerkte sie mit Blick auf seinen Bademantel. Er lächelte: „Ich bin kein Freund von Förmlichkeit. Ich heiße John.“ – „Ich heiße Franziska.“ – „Möchten Sie etwas trinken, Franziska?“, erkundigte er sich, „soll ich etwas Champagner kommen lassen?“ – „Nein, auf keinen Fall, dafür ist es noch zu früh. Ein Glas Wasser für mich.“ Sie setzten sich auf das Sofa.

„Sie interessieren sich nicht wirklich für außerirdisches Leben“, sondierte er vorsichtig. „Warum sagen Sie das?“ – Viele Damen versuchen, so mit mir ins Gespräch zu kommen.“ – „Warum haben Sie mich denn mit auf Ihr Zimmer genommen?“ – „Vielleicht wollte ich ja mit Ihnen ins Gespräch kommen…“ – „Eigentlich wollte ich testen, ob Sie sich wirklich für außerirdisches Leben interessieren, oder ob das nur ein Vorwand ist, um Frauen wie mich zu treffen.“ – „Sie tun mir unrecht. Außerirdisches Leben wäre mir ein zu großer Umweg, wenn es nur darum ginge, Sie zu treffen.“

Er sah ihr in die Augen. „John“, ihre Augen hielten seinem Blick stand, „irdisches Leben interessiert mich viel mehr. Könnten Sie sich vorstellen, dass ich Ihre Tochter sein könnte?“ Sie beobachtete seine Reaktion und bemerkte, wie seine Nasenlöcher sich einen Moment aufblähten. „Das ist nicht möglich“, antwortete er. „Sie haben recht“, gab sie zu und rutschte näher zu ihm. „Ich finde Sie unheimlich sexy“, flüsterte sie. Sie steckte ihre Hand mit den perfekten, rotlackierten Fingernägeln hinter das Revers seines Bademantels und streichelte über sein Brusthaar.

Er griff ihre Hand am Gelenk und zog sie heraus. „Ich dachte, Sie wollten mit mir über meine wissenschaftliche Arbeit sprechen. Ich hatte mich wohl geirrt. Sie sollten jetzt gehen.“ Er stand auf und zeigte auf die Tür. Sie erhob sich ebenfalls, strich ihren Rock glatt und verließ das Zimmer durch die Tür, die er für sie aufhielt. Als sie draußen war, schüttelte er ungläubig den Kopf.

(90) „Meine Damen und Herren, ich weiß, dass es außerirdisches Leben gibt.

„Meine Damen und Herren, ich weiß, dass es außerirdisches Leben gibt. Nicht, weil ich schon einmal von Aliens entführt worden wäre“, John Oban machte eine Pause, um seinem Publikum die Möglichkeit zu geben, verzückt mit zu lachen, was es auch tat, „sondern weil es uns die Wissenschaft lehrt. Ja, Sie haben richtig gehört, die Wissenschaft. Dank des Hubble-Weltraumteleskops wissen wir, dass es in unserem Universum 125 Milliarden Galaxien gibt. Wenn jemand sich jede Galaxie nur eine Sekunde anschauen würde, bräuchte er für alle Galaxien fast viertausend Jahre. Und glauben Sie mir, auch mit mir zusammen wäre das eine verdammt lange Zeit.“ Oban legte noch eine Lachpause ein.

„Aber im Ernst, ist das nicht unvorstellbar? Und jede dieser Galaxien hat 500 Millionen Sonnen. Die Wissenschaftler schätzen, dass zehn Prozent davon Planeten haben. Und wenn davon nur jedes Milliardste Planetensystem belebt ist, dann gäbe es in unserem Universum sieben Milliarden Planeten mit Leben. Das ist Wissenschaft. Die Zahlen sprechen für uns.“

Die Menschen im Raum teilten sich in diesem Moment in zwei Gruppen auf: der weitaus größere Teil, im wesentlichen Frauen ab 40 Jahren, brach in frenetischen Beifall aus, um John Oban, Held einer Science Fiction-Fernsehserie, zu feiern. Der kleinere Teil waren Klatschjournalisten, die sich mit rollenden Augen untereinander anschauten, weil nackte Zahlen nicht in ihren Artikeln zu verarbeiten waren. Es blieb ihnen nur übrig, die Beifallsstürme zu schildern und darauf zu hoffen, Oban zu einer Home Story überreden zu können. Dafür würden sie ihm zusagen, dass er auch ein paar Sätze zu Außerirdischen im Artikel unterbringen könnte.

Oban wirkte sehr glaubhaft und musste von seinen Ausführungen überzeugt sein, denn er war zugegebenermaßen ein schlechter Schauspieler. Über die Jahre hatte sich seine Fanbasis verändert. Ursprünglich waren es junge Männer, die mit ihm älter wurden, gewesen. Später hatten ihn reifere Frauen entdeckt, die an einsamen Nachmittagen zu Hause ein Abenteuer im Geiste mit ihm suchten.

(89) Vom Strand fuhren Sie zur Geburtstagsfeier von Emmas Schwester Olga.

Vom Strand fuhren Sie zur Geburtstagsfeier von Emmas Schwester Olga. Sie arbeitete als Sekretärin in einem Verlag, der auf Autobiografien spezialisiert war. Das neue Programm enthielt die Memoiren von John Oban, dem Filmschauspieler. Als er vor ein paar Tagen eine Besprechung mit dem Verleger hatte, hatte Olga ihn im Scherz zu ihrer Geburtstagsparty eingeladen. Zu ihrer großen Überraschung hatte Oban zugesagt.

Da sie ihren Freunden davon erzählt hatte, kamen alle Eingeladenen und brachten noch weitere Freunde mit. Bevor Oban seinen Auftritt hatte, rätselten alle nur darüber, ob er auch tatsächlich auftauchen würde und wie er privat sei. Als er plötzlich mit einem riesigen Blumenstrauß in der Tür stand, hatte er alle Aufmerksamkeit für sich. Bei dem ‚Happy Birthday, Olga‘-Lied, das Oban anstimmte, sang keiner richtig mit, weil jeder nur ihm zuhören wollte. Und nachdem Oban wieder gegangen war, redeten alle nur von seinem spontanen Auftritt. Mit anderen Worten: Olgas Geburtstagsfeier diente zu ihrem eigenen Ärger nur der Glorifizierung von John Oban.

Einzig Olgas Mann Doug war nicht an Oban interessiert. Er schlich sich an Emma heran, die in der Küche aushalf. Bei Obans Ankunft strömten alle in den Flur. Doug blieb zurück und hielt auch Emma auf, denn er müsse mit ihr sprechen. Als sie beide allein in der Küche waren, eröffnete er ihr, dass er wisse, was sie in Wirklichkeit treibe. Er habe es selbst gesehen, leugnen sei zwecklos. Emma war wie vom Donner gerührt. Mit dieser Gefahr hatte sie nicht gerechnet. „Eigentlich müsste ich mit Louis darüber reden, wir sind immerhin eng befreundet.“ Das stimmte, denn Emma hatte Louis über Olga und Doug kennen gelernt. „Eigentlich?“, wiederholte sie. Doug räusperte sich. „Ich sehe da eine Möglichkeit, um das zu verhindern. Ich komme ab und zu an deinem Arbeitsplatz vorbei, wir haben etwas Spaß miteinander und ich erzähle bestimmt niemand etwas. Wie klingt das?“ Emmas Kopf fühlte sich an wie ein ausgeblasenes Ei. „Kann ich darüber nachdenken?“ – „Sicher“, antwortete er, „das muss wohl überlegt sein.“ Er legte ihr die Hand auf den nackten Oberarm, auf dem man noch die Beine der eintätowierten Engel erkennen konnte, und trat zu den anderen in den Flur. Emma blieb zurück. Sie musste sich erst hinsetzen.

(88) Emma lief den beiden voraus die Düne hoch.

Emma lief den beiden voraus die Düne hoch. Auf halber Höhe drehte sie sich um, hob die Kamera und drückte ab. Louis war bepackt mit den Liegestühlen und der Kühltasche, unter dem Arm seine Zeitung. Jimmy trug den Sonnenschirm, seine Taucherbrille und die Flossen. „Ihr müsst euch unbedingt eincremen, sonst wird das heute eine schmerzhafte Erfahrung für euch“, warnte sie. Louis grunzte, etwas außer Atem. „Mama, gehen wir nachher ein Eis essen?“, drängte Jimmy. „Ja, nachher gehen wir alle Eis essen. Aber erst einmal legen wir uns ganz gemütlich in den Liegestuhl ans Meer. Wenn du es schaffst, eine Stunde Ruhe zu geben, gehen wir ein Eis essen.“ – „Wie viel Uhr ist es jetzt?“, bohrte Jimmy ungeduldig. Sie fischte die Uhr aus ihrer Handtasche. „Jetzt ist es halb drei Uhr. Um viertel vor vier gehen wir Eis essen. Und frag‘ jetzt nicht alle fünf Minuten, wie spät es ist.“ – „Was ist das für eine Uhr?“, fragte Louis. „Ach, die hat mir meine Kollegin gestern geschenkt. Sie braucht sie nicht mehr.“

Oben auf der Düne blieb Emma stehen und bewunderte den freien Blick auf das Meer. Sie schloss die Augen und ließ den Wind an sich heran. Louis stapfte an ihr vorbei den Sandhang hinunter, zu ihrem Lieblingsplatz. Er stellte die Liegestühle auf, pflanzte den Sonnenschirm ein, rückte die Kühltasche in den Schatten, holte ein Bier heraus, öffnete es und saß zeitungslesend im Liegestuhl, bevor sie unten angekommen war. Jimmy hatte die Schuhe abgestreift und stand zwanzig Meter von ihnen entfernt im Wasser. Sie legte sich in den Schatten auf ihren Liegestuhl und legte den Sonnenhut daneben.

Louis äugte hin und her zwischen ihr und seiner Zeitung. Irgendetwas hatte er auf dem Herzen. „Was ist?“, fragte sie. „Sag mal, wie lange willst du noch diese Nachtschichten im Call Center machen? Wäre es nicht besser, wenn du mehr Zeit Zuhause mit uns verbringen würdest?“ Sie seufzte, „Ja, würde ich ja gerne, aber tagsüber sind alle Stellen belegt. Und abends ist es ja auch am besten bezahlt, davon haben wir doch mehr.“ – „Ja schon… Soll ich mal mit deiner Chefin sprechen?“ – „Nee, das lass mal sein. Das kann ich selber“, fuhr sie ihn an.

„Wie sieht es denn aus mit deiner Arbeitssuche?“, hakte sie nach. Louis hob die Zeitung hoch zum Umblättern und sein Kopf verschwand zwischen den Seiten. „Es gibt nichts für einen halbgelernten Schlosser…“ Emma hatte ihre Illustrierte aufgeschlagen und antwortete nur mit „Ja, ja“.