(53) „Du bist jetzt 31, richtig?“

von Alain Fux

„Du bist jetzt 31, richtig?“ – „Vater, bitte nicht schon wieder.“ Monika Jansen hatte ihren Vater fünf Monate nicht gesehen und fand, dass er älter geworden war. Seine Augen waren unterlaufen und sahen müde aus, als er sie über die traurige Halbbrille ansah. „Ich bin froh, dich zu sehen. Für die Dreharbeiten bin ich noch zwei Wochen hier, es wäre schön, wenn wir uns öfters sehen könnten.“ – „Monika, du solltest Zuhause wohnen…“ – „Vater, das geht nicht, ich muss mit der Crew zusammenbleiben. Es ist meine erste große Chance beim Film und ich will es nicht mit dem Regisseur verderben, weil ich Extrawünsche habe.“ Ihr Vater dachte nach. Sie war sich sicher, dass er später die gleiche Frage noch einmal stellen würde. Er war ein Starrkopf und musste stets seinen Willen durchsetzen. Allerdings hatte sich ihre Hartnäckigkeit auch weiter entwickelt, seit sie auf eigenen Beinen stand. Sie wusste, dass sie ihm nicht nachgeben würde.

Der Hauptgang wurde serviert. Steak für ihn, Hähnchenbrust mit gedünstetem Gemüse für sie. Seit sie sich erinnern konnte, wählte ihr Vater dieses Restaurant, wenn er mit Geschäftspartnern, Freunden oder Familienmitgliedern essen wollte. Er hätte mittlerweile den Betrieb mehrfach kaufen können. Carlos, der Kellner hatte sie gleich erkannt und ihr gesagt, dass er sich freute, sie wieder zu sehen. Auch sonst schien die Zeit still gestanden zu sein. Die Kunden waren die gleichen, die Einrichtung auch und ebenso die Speisekarte.

„Wie geht es in der Firma?“, fragte sie. Sofort bedauerte sie die Frage, als er ausholte und über Mitarbeiter, Wettbewerber und Kunden sprach, als ob sie alle immer noch kennen müsste. Dazwischen ließ er anklingen, dass die Zukunft des Unternehmens nicht gesichert sei, was Monika aber geflissentlich überhörte. Beim Nachtisch erkundigte er sich, worum es bei dem Film ging, den sie gerade drehte. Ihrer Erklärung schien er nicht aufmerksam zu folgen. Als sie geendet hatte, wies er darauf hin, dass ihr Schlafzimmer vorbereitet sei und sie jederzeit dort einziehen könnte.

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