(52) Als der Anruf kam…

von Alain Fux

Als der Anruf kam, war Rolf Happel gerade dabei gewesen, den Lagebericht für den Jahresabschluss zu korrigieren. Dr. Jansen wollte ihn sofort sprechen. Das war ungewöhnlich. Happel nahm seine Kladde, die Mappe mit den letzten Unternehmensberichten sowie den Entwurf des aktuellen Jahresabschlusses. Bei unerwarteten Gesprächen mit Jansen war es besser, gegen alles gewappnet zu sein.

Dr. Jansens Sekretärin gab die Tür ins Allerheiligste mit einem Nicken frei. Happel klopfte, wartete einen Augenblick und trat ein. Dr. Jansen schrieb gerade etwas auf und schien ihn nicht zu bemerken. Happel räusperte sich dezent. „Setzen Sie sich, Herr Happel. Ich bin gleich bei Ihnen.“ Happel nahm Platz am Besprechungstisch und ordnete seine Unterlagen. Dr. Jansen schraubte seinen Füllfederhalter zu und blickte über seine randlose Halbbrille. Happel bemerkte eine kleine geplatzte rote Ader im gelblichen Weiß von Dr. Jansens rechtem Auge.

„Was haben Sie sich dabei gedacht, Herr Happel?“ Der Ton war schroff, es sollte schmerzen. Happel schluckte. „Was meinen Sie, Herr Dr. Jansen?“ Dr. Jansen schüttelte den Kopf und schaute einen Augenblick aus dem Fenster. „Sie haben sich vorgestern mit den Wirtschaftsprüfern getroffen, richtig?“ – „Ja, zur Besprechung des Jahresabschlusses.“ – „Dabei haben Sie ohne Not Umbuchungen vorgenommen, die mich, mich persönlich, eine halbe Million kosten werden, richtig?“ – „Wir hatten leider keine Wahl, Herr Dr. Jansen…“ – „Ich habe da anderes gehört. Die WPs wären durchaus bereit gewesen, eine andere Sicht der Dinge zu akzeptieren, aber Sie haben das nicht weiter verfolgt, richtig?“ – „Nun, die Steuergesetzgebung…“ – „…ist an dem Punkt flexibel. Jetzt hören Sie mal zu, Happel. Dass Ihr Beruf eine gewisse Genauigkeitsliebe voraussetzt, damit kann ich leben und begrüße es auch. Ihre persönlichen Vorlieben enden aber dort, wo mein Geld beginnt. Können Sie das nachvollziehen?“ – „Ja, natürlich, aber…“ – „Sie gehen jetzt zurück an Ihren Schreibtisch und betrachten diesen Jahresabschluss noch einmal mit meinen Augen. Ich will, dass Sie die erforderlichen Änderungen vornehmen. Die WPs erwarten Ihren Anruf mit Vorschlägen. Das war’s, danke.“ Happel stand verdattert auf, bündelte seine Unterlagen in beiden Händen und schlich zur Tür. „Happel, vergessen Sie nie, wer Ihren Gehaltscheck unterschreibt.“

Happel erkannte den Anflug eines schadenfrohen Lächelns auf den Lippen der Sekretärin und verließ die Geschäftsführungsetage rasch. Er mochte Dr. Jansen nicht und für seine Kollegen empfand er ebenfalls meistens Abneigung. Er fühlte sich von allen gegängelt und beklagte innerlich den Mangel an Respekt, der ihm entgegengebracht wurde. Er dachte an Andrea und sehnte den Moment herbei, an dem er sein Büro verlassen konnte, um zu ihr nach Haus zu fahren. Er seufzte.

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