(50) „Für mich sah er genauso aus wie unser Chinese“…

von Alain Fux

„Für mich sah er genauso aus wie unser Chinese“, erzählte Rolf seiner Frau Andrea am nächsten Morgen beim Frühstück. Gemeinsames Frühstück war für Rolf ein sehr wichtiges Ritual. Andrea hätte eigentlich noch gern weiter geschlafen, denn Hunger hatte sie so früh am Morgen nie und sie brauchte nicht zur Arbeit zu gehen. Sie hätte sehr gerne gearbeitet, aber Rolf war dagegen.

Bei vielen Fragen hatte Rolf fertige Antworten parat und war selten bereit, seine Meinung zu ändern. Sollten Ehefrauen arbeiten? Nein. War es erforderlich, gemeinsam zu frühstücken? Unbedingt. Sollte ein Arbeitstag eine genau bemessene Dauer haben? Natürlich. Sie sah ihm zu, wie er in sein Marmeladenbrot biss. Es würde sie nicht verwundern, wenn Rolf für alle Lebensfälle detaillierte Checklisten angelegt hätte.

Rolf und Andrea hatten sich in der Schule kennen gelernt. Er war in der Klasse recht unbeliebt gewesen, als Kriecher und Petze verschrien. Während der Ausbildung hatten sie sich aus den Augen verloren, durch Zufall wiedergetroffen und dann hatte ihr Rolf sehr konsequent den Hof gemacht. Am Ende hatte sie ihn geheiratet. Sie bauten ein Haus und je länger sie zusammen waren, desto stärker langweilte sich Andrea. Sobald Rolf zur Arbeit gefahren war, würde sie sich wieder ins Bett legen. Damit wäre wenigstens ein Teil des Vormittags vorbei. Für den Nachmittag würde sie sehen. Sie stellte sich vor, dass ein Anruf sie nachher aus dem Schlaf reißen würde. Ihr Mann sei bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen. Ein Ordner auf den Kopf gefallen? Sich einen spitzen Bleistift in den Finger gerammt und an akuter Blutvergiftung umgekommen? Nein, Arbeitsunfall war kaum denkbar. Verkehrsunfall auf dem Arbeitsweg, das war wahrscheinlicher. Sie lächelte versonnen. Rolf merkte es und lächelte zurück. Sie hörte auf zu lächeln.

Er stand endlich auf, nahm seine Butterbrote, küsste sie auf die Stirn und weg war er. Nachdem sie gehört hatte, dass der Wagen rückwärts aus der Auffahrt gefahren war, kehrte sie ins Schlafzimmer zurück und legte sich ins Bett. Betäubt von ihrer Langeweile schlief sie bald wieder ein.

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