(48) Jasper starrte auf den Monatsbericht…

von Alain Fux

Jasper starrte auf den Monatsbericht, den ihm seine Buchhalterin auf den Schreibtisch gelegt hatte. Die billigen Asienimporte würden ihn noch umbringen. Wieder ein Kunde, der seine Bestellungen eingestellt hatte, weil er günstigere Perücken aus Fernost beziehen konnte. Zwar kein großer Kunde, aber ein weiterer Beweis, dass sich der Trend verstärkte. Bei seinen wichtigsten Kunden konnte Jasper den Preisnachteil noch durch besondere Anstrengungen bei Entwicklung und Service wettmachen. Bei Standardware musste er passen und auf den Umsatz verzichten. Leider, denn dadurch drückten ihn die Fixkosten und er musste in anderen Segmenten wachsen. Hinzu kamen die ständig steigenden Lohnkosten, die sich in der Abrechnung immer weiter ausbreiteten. Kein Vergleich zu dem, was er bei der Unternehmensgründung vorgefunden hatte. Von einem einfachen Zweithaar-Salon hatte er den Sprung in die industrielle Fertigung geschafft und beschäftigte jetzt 127 Mitarbeiter. Wahrscheinlich würde er sich verkleinern müssen und künftig verstärkt auf Vertrieb statt auf Produktion setzen. Die Margen würden sinken, der Druck auf Vertriebserfolge nochmals steigen und er würde Mitarbeiter entlassen müssen. Im Hinblick auf die kommenden Verhandlungen mit chinesischen Produzenten hatte Jasper bereits vor sechs Monaten Tommy Li, einen beflissenen chinesischstämmigen Studienabgänger, als Assistenten eingestellt.

Jasper fuhr mit dem Finger unter seine Perücke und kratzte sich am Kopf. Anfangs war es ein Jux gewesen, um einem Kunden zu beweisen, dass Jasper seine Perücken für das Beste hielt, das es auf dem Markt gab. Er hatte sich sein volles Haar von Greta wegscheren lassen und zu einem wichtigen Termin sein eigenes Spitzenmodell getragen. Das war zu seinem Markenzeichen geworden und er konnte es sich nicht mehr leisten, seine Haare wachsen zu lassen. Bei Verkaufsgesprächen führt er manchmal die Perücken für seine Kunden selbst vor. Greta war anfangs wenig begeistert gewesen, hatte dann aber einen erotischen Kick in seiner Glatze gefunden und wollte seitdem nur noch mit ihm schlafen, wenn er seine Perücke abgenommen hatte.

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