(47) „Ich habe über deine Darbietung…

von Alain Fux

„Ich habe über deine Darbietung in der U-Bahn gelesen. Verdient man damit eigentlich Geld?“, erkundigte sich Buttface. Buttface hieß eigentlich Jasper, aber Michael hatte ihn Buttface genannt, als er bereits Englisch sprach und Jasper noch nicht. „Es war eine Performance“, antwortete Michael, „und ja, man verdient damit Geld.“

Die beiden Halbbrüder sahen sich selten. Aber auch das schien noch zu oft. In Interviews gab Michael an, als Einzelkind aufgewachsen zu sein, was auch der Wirklichkeit entsprach. Michaels Vater hatte Jaspers Mutter geschwängert und sich danach nur sporadisch um seinen zweiten Sohn gekümmert.

Jasper war bei seiner Mutter aufgewachsen, hatte einen vernünftigen Beruf erlernt (Perückenmacher) und eine Frisörin namens Greta geheiratet. Michael fand, dass Jaspers Leben ein einziges Klischee war. Er wohnte am gleichen Ort, an dem er gezeugt, geboren und zur Schule gegangen war. Greta kannte er aus seiner Ausbildung und die beiden hatten sich sofort füreinander bestimmt gefühlt. Nach der Hochzeit hatte Greta aufgehört zu arbeiten, denn so war es üblich in der Kleinstadt, in der sie lebten. Jaspers Tage waren organisiert. Mittwoch im Schützenverein, Donnerstag Gemeinderatssitzung. Greta war im Komitee der katholischen Landfrauen und aktiv bei anderen mildtätigen Vereinen. Alle respektierten die beiden. Sie hatten zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, Geige und Klavier, Fußball und Ballett. Jedes Jahr ein Mal Sommer- und ein Mal Winterurlaub.

Michaels Leben hingegen war Chaos und Mangelwirtschaft. Er hatte schon seit Jahren das Gefühl, stets nur dieselben Ideen zu recyceln. Er war Performance-Künstler geworden, weil er nicht das Talent hatte, etwas Kreatives mit seinen Händen anzufangen. Die Rezensionen seiner Werke durch Kritiker blieben ihm rätselhaft, aber er nahm sie als Ausgangspunkt, um neue Performances aus ihnen abzuleiten. Wenn ein Kritiker schrieb, dass es ‚polymorph-soziopathische Zugänge‘ zu seinem Werk gab, dann würde Michael in seiner nächsten Performance versuchen, diese Zugänge, oder was er darunter verstand, umzusetzen. Er selbst führte das, was er tat, nur fort, weil ihm die Fantasie ausgegangen war, etwas anderes zu tun.

Das Gekabbel mit seinem Halbbruder war so etwas wie die letzte Scholle Heimat, die ihm geblieben war.

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