(36) „Halt“, rief die dunkle Gestalt…

von Alain Fux

„Halt“, rief die dunkle Gestalt, die ihr den Weg in die Wohnung versperrte. Der Hut war tief in die Stirn gezogen, so dass man die Gesichtszüge nicht sehen konnte. Der Körper war groß und stand etwas schief.

„Mensch, Karla“, schimpfte Marianne, „was hast du mich jetzt erschreckt. Laura, jetzt lass mal Karla wieder runter.“

Die Mädchen lachten fröhlich über ihren Streich. Karla nahm den Hut ab, reichte ihn Marianne und knöpfte den Mantel auf. Darunter kam Laura zum Vorschein, die ihre Schwester auf den Schultern getragen hatte. „Ihr sollt nicht die Sachen vom Opa zum Verkleiden nehmen“, mahnte Marianne, „ihr wisst doch, dass er sehr unangenehm werden kann. Legt den Mantel und den Hut schnell zurück. Das gibt sonst wieder Ärger.“

Murrend brachten die Mädchen die Kleidungsstücke in Giuseppes Zimmer. Marianne hängte ihren blauen Seidenkimono auf. Nach dem Hamam war sie jedes Mal erschöpft, aber glücklich. Es war auch der einzige Luxus in ihrem Leben, denn sie wünschte sich nichts sehnlicher, als mit den Kindern eine eigene Wohnung zu beziehen und sparte deshalb so gut sie konnte. Natürlich war sie ihrem Schwiegervater dankbar, dass er sie aufgenommen hatte. Als Fabio, ihr Mann, vor zwei Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, wusste sie nicht mehr ein noch aus. „Famiglia“, hatte Guiseppe damals dramatisch gemeint. Fabio hatte nur Schulden hinterlassen, für die sie aufkommen musste. Auch dabei hatte Guiseppe sie unterstützt. Aber es war ihr eine große Last, auf sein Wohlwollen angewiesen zu sein. Und das Zusammenleben mit ihm war nicht einfach, denn er benahm sich wie ein Patriarch. Sie fühlte sich wie eine Magd in seinem Haushalt.

Advertisements