(34) Anke hielt es nicht mehr aus…

von Alain Fux

Anke hielt es nicht mehr aus, in der gleichen Wohnung zu sein wie Jochen. Die meiste Zeit verbrachte sie in der Küche. Manchmal starrte sie minutenlang auf den Sekundenzähler, wie er sich auf dem Zifferblatt der Wanduhr bewegte. Nur morgens, wenn Jochen noch schlief und bevor sie zur Arbeit musste, setzte sie sich auch mal ins Wohnzimmer. Abends nie.

Sie irrte planlos die Straße entlang. Als sie aufschaute, merkte sie, dass jemand ihr hinter der Schaufensterscheibe lächelnd zuwinkte. Es war Iskender, der Obst- und Gemüsehändler. Er bat sie, hereinzukommen. Sie betrat seinen Laden.

„Warum sieht eine so hübsche Frau wie du so traurig aus? Wer ist Schuld daran? Wen soll ich verprügeln? Sag es mir.“ Sie musste lachen, denn Iskender sah tatsächlich so aus, als ob er es jederzeit mit allen aufnehmen würde. Zwar recht grauhaarig, aber immer noch gut beieinander. Und er lächelte gern und viel, wenn er Kundinnen im Laden hatte.

„Männer und Frauen“, erklärte er, „müssen zusammenpassen. Da geht nicht einfach alles. Es gibt Spielregeln. Dann ist alles wunderbar. Hier, ich zeige dir.“ Er zog sie vor einen Schrank, den er öffnete. Innen waren Tüten, Bindfäden, Einweckgläser und andere Dinge, die man in einem Gemüseladen gebrauchen konnte. Er zeigte auf die Innenseite der Tür.

Dort hing eine Seite aus einer Illustrierten und darauf zu sehen war ein Foto von Arnold Schwarzenegger als jungem Bodybuilder. Auf dem Foto saß er auf den Schultern einer großbusigen Frau mit tiefem Dekolleté, die ihn mühelos zu tragen schien.

„Das ist dein Frauenbild?“ Anke war verwirrt. Iskender strahlte. „Starker Mann braucht eine starke Frau. Starke Frau braucht einen starken Mann. Beide müssen stark sein. Sonst geht es nicht.“- „Aber warum sitzt der Mann auf den Schultern der Frau?“ – „Damit man sieht, dass sie stark ist. Würde die Frau auf den Schultern des Mannes sitzen, würde jeder sagen, die Frau ist schwach und der Mann muss sie tragen.“ Das schien Anke einleuchtend und sie lachte zurück.

Eine halbe Stunde später verließ sie den Laden, hatte einen Kaffee mit Iskender getrunken, sie hatten noch mehr gelacht und er hatte sie für den nächsten Tag zu einem gemeinsamen Besuch in den Hamam eingeladen. „Morgen ist Familientag“, hatte er erklärt.

Advertisements