(32) In diesem Augenblick…

von Alain Fux

In diesem Augenblick hatte zum Glück sein Notfallhandy geklingelt. Die Polizei war dran, er solle sofort zu 151 Garfield Place in Brooklyn kommen. Es ginge um seinen Patienten Bert Landau. Jeff hatte ihn verächtlich grinsend zur Tür gebracht. Rosenblatt tat es Leid wegen Bobby. Es lief wirklich gar nicht gut.

Vor dem Wohnhaus von Landau standen mehrere Streifenwagen mit pulsierenden Lichtern in der Straße und blockierten den Verkehr. Auf dem Bürgersteig vor dem Eingang parkte ein Lastwagen des Brooklyn Zoo. Mehrere Kamerateams waren auch da. Rosenblatt begab sich zu einem Polizisten und erkundigte sich nach Lieutenant Brooks.

Brooks erklärte Rosenblatt in groben Zügen die Lage. Die Vermieterin von Landau hatte zufällig herausgefunden, dass Landau in seiner Wohnung einen großen Stahlkäfig gebaut hatte und darin einen ausgewachsenen Bären hielt. Sie rief sofort die Polizei. Landau verrammelte sich in seiner Wohnung und drohte, den Bären frei zu lassen, wenn man ihn nicht in Ruhe ließe. Er hatte auch nach Dr. Rosenblatt gefragt, daher der Anruf. Brooks wollte wissen, was für ein Mensch Landau sei. „Und bitte, kommen Sie mir jetzt nicht mit ärztlicher Schweigepflicht, es geht um Leben, nicht zuletzt um das Ihres Patienten.“ Rosenblatt erzählte, dass Landau seit seiner Jugend unter manischen Schüben litt und der Umgang mit ihm wegen seines Realitätsverlusts nicht einfach war. Reiches Elternhaus, deshalb auch die Wohnung in bester Lage und die Behandlung bei Rosenblatt. „Wozu ist er fähig?“, fragte Brooks. „Wenn er einen manischen Schub hat, zu allem. Und ich denke, dass dieses ganze Theater“, Rosenblatt zeigte auf die Streifenwagen, die Fernsehcrews und die vielen Zuschauer, „das alles kann diesen Schub auslösen.“ Brooks gab Anweisung, den Platz vor dem Haus weitläufiger zu räumen. „Dr. Rosenblatt, kommen Sie mit rein. Sie müssen mit ihm reden.“

Im Treppenhaus lagen vermummte und bewaffnete Einsatzkräfte und schienen zum Äußersten bereit. Im dritten Stock, wo Landau wohnte, war es ruhig. Rosenblatt schritt zur Tür von Apartment 31 und klopfte leise. „Herr Landau“, er räusperte sich, „Herr Landau, hier ist Dr. Rosenblatt. Wie fühlen Sie sich?“

Landau hatte schließlich eingewilligt, mit ihm zu reden. Am Ende von langen Verhandlungen und Sicherheitsvorkehrungen hatte er ihn in die Wohnung gelassen. Trotz der Anspannung entging Dr. Rosenblatt die Ironie nicht, dass Landau verlangte, dass sein Arzt sich vollständig entkleidete, bevor er ihn herein ließ.

In der Wohnung stellte es sich heraus, dass der Bär, vor dem die Vermieterin gewarnt hatte, in Wirklichkeit ein gemütlicher Bernhardiner war, der Rosenblatt mit weltmüden Augen betrachtete. ‚Fehlt nur noch das Fass Cognac um den Hals‘, dachte der Psychiater. Rosenblatt fühlte sich lächerlich und schlang sich die Hundedecke um die Hüften, bevor er hinausging, um Brooks zu informieren.

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