(28) Rosenblatt erzählte von einem Stummfilm…

von Alain Fux

Rosenblatt erzählte von einem Stummfilm, den er zwei Tage vorher auf einem seiner 181 Kabelkanäle gesehen hatte. Dabei ging es um ein junges, hübsches Mädchen und seinen Galan. Aus unerfindlichen Gründen liefen beide auch am helllichten Tag in Abendgarderobe herum. Die beiden konnten aber nicht zueinander finden, denn es gab Hindernisse. „Und hier, Herr Kollege, wurde der Film sehr spannend“, erklärte Rosenblatt. „Die Hindernisse waren einerseits eine strenge Tante und ein Butler, der sich plötzlich in einen Werwolf verwandelte. Dazu kamen ein entlaufener Gorilla, der sich im Haus der Tante versteckte sowie ein äußerst fieser Maharadscha, dem der entlaufene Gorilla gehörte. Deswegen kam der Maharadscha auch ins Haus, lernte das Mädchen kennen und wollte es entführen. Wie Maharadschas halt so sind.“ Inszeniert war die Geschichte mit gehörigem Klamauk und etlichen Verfolgungsjagden, bei der sich die Protagonisten alle gegenseitig hinterherliefen. Dennoch hatte Rosenblatt sich den Streifen vollständig angesehen.

„Und?“, frage Fisher, „warum? Wo ist der Witz?“ – „Merkst du es denn nicht?“, forderte ihn Rosenblatt heraus. „Das ist eine Darstellung von Freuds Strukturmodell der Psyche. Die Tante und der Maharadscha sind das Über-Ich, der Werwolf-Butler und der Gorilla stellen das triebhafte Ich dar. Dazwischen die beiden Protagonisten, zwischen Triebverzicht und –aufschub. Natürlich wurden die Triebe nicht erfüllt, es war ja ein Stummfilm, dazu noch im Basispaket.“

Fisher kicherte in seine Papiertüte hinein. „Ihr Freudianer solltet euch mal besser selbst auf die Couch legen, als euch dahinter zu positionieren.“ – „Herr Dr. Fisher“, Rosenblatt gab sich gekränkt, „ich bin Psychiater wie Sie. Auch wenn ich anderen Theorien gegenüber etwas aufgeschlossener bin, macht mich das noch nicht zum Freudianer!“ Jetzt mussten beide lachen, prosteten sich wieder zu und schauten ein paar Minuten still in die langsam untergehende Sonne.

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