(25) „Meine Kindheit war ganz ok…

von Alain Fux

„Meine Kindheit war ganz ok, glaube ich. Ich war eins dieser Soldatenkinder, wie es damals in Deutschland sehr viele gab. Immer zusammen mit anderen Soldatenkindern, in der Schule, beim Spielen, bei Ausflügen mit der Familie. Ein wenig anders war bei mir, dass meine Mutter Deutsche war. Aber dadurch hatte ich keinen besseren Kontakt mit Leuten außerhalb unserer Gemeinschaft. Ich sprach deutsch, nutzte es aber nie. Mittlerweile habe ich es komplett verlernt.

Mein Vater hatte sein ganzes Leben in der Army gedient, das formt natürlich. Disziplin ging ihm über alles, aber er war nicht übermäßig streng, da gab es ganz andere Fälle unter meinen Freunden. Ich glaube, ich habe ihn nie wirklich interessiert.“

„Warum glauben Sie, Alex, dass Sie ihn nicht interessiert haben?“, fragte Dr. Fisher, während er sich Notizen machte. Alex dachte nach und ließ derweil seine Augen über die schweren Samtvorhänge gleiten.

„Er ist immer ruhig geblieben, egal, ob ich etwas Tolles getan hatte oder etwas ausgefressen. Vielleicht war er auch zu alt. Anders meine Mutter. Sie regte sich hingegen sehr schnell auf. Und sie hatte nie Zeit. Sie war dabei, zu einer spitzenmäßigen Bowlerin zu werden, und das war ihr wichtiger als alles andere.“

„Wie fühlten Sie sich dabei, Alex?“

„Ich war stolz auf sie, niemand sonst hatte eine derart coole Mutter. Aber ich war auch einsam. Als wir in die Staaten übersiedelten, fühlte ich mich verloren. McFarland ist ein unglaublich langweiliges Provinzkaff. Außer einem Bowling Center und Maria’s Tacos Shawarma Pizza Restaurant gibt es dort nichts. Das war nicht meine Heimat, ich war etwas ganz anderes gewöhnt. Ich verlor alle meine Freunde, kam mitten im Jahr auf eine Highschool, wo ich niemanden kannte… Mein Vater war zwar jetzt im Ruhestand, fing aber mit Beratungsaufträgen an und war deswegen oft in L.A. Meine Mutter drehte jetzt richtig auf mit dem Bowling und war überhaupt nicht mehr greifbar. Einmal habe ich sogar versucht, Kontakt mit meiner älteren Halbschwester in Deutschland aufzunehmen, aber es erschöpfte sich nach zwei oder drei Briefen hin und her.“

„Wie erging es Ihnen sonst?“

„In der Schule wurde ich immer schlechter, ich konnte mich beim Lernen nicht konzentrieren. Stillsitzen war eine Qual. Und auf dem College haben die Probleme dann richtig angefangen.“

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