(23) Das deutsche Paar, das vorhin…

von Alain Fux

Das deutsche Paar, das vorhin im Hotel eingecheckt hatte – hatte es ihn erkannt? Walter Gaus bedeuteten die Gesichter der beiden nichts. Dennoch, die Frau hatte ihn etwas merkwürdig angesehen und es war ihm, als ob sie hinter seinem Rücken tuschelten. Was sollte es schon bedeuten? Es war nicht alles glatt verlaufen in seinem Leben und er hatte oft den Kürzeren gezogen. Aber es gab in Wirklichkeit im Leben ja auch nichts zu gewinnen. Keinen Hauptgewinn und keine Trostpreise.

Walter schloss die Tür zu seinem Hotelzimmer auf und überlegte, ob er die Möbel etwas verschieben sollte. Nein, das würde passen. Es versprach, ein angenehmer Abend zu werden. Die beiden jungen Damen, die er an der Strandpromenade kennen gelernt hatte, besaßen für ihn genau die richtige Mischung aus Naivität und klaren kaufmännischen Vorstellungen. Es war schön für ihn zu erkennen, dass es keinen Mangel an großen blonden Frauen gab.

Er zog die Vorhänge zu und nahm den Diaprojektor aus seinem Koffer. Er hatte den beiden versprochen, ihnen seine Aufnahmen von Kirchenkunst zu zeigen. Eigentlich hatten sie einander gleichermaßen missverstanden und doch aufs Beste Einverständnis erzielt.

Bereits die Pleite des Betriebs, den er von seinem Vater übernommen hatte, war ihm wie eine Befreiung vorgekommen. Der Bankrott wiederum hatte zur Scheidung geführt. Das Geld, das er vorher in die Schweiz gebracht hatte, ohne dass Marion davon wusste, hatte zu seinem Wohlgefühl beigetragen. Danach, so schien es ihm, war er endgültig im Leben angekommen.

Er zog sich um, in dem Seidenpyjama fühlte er sich unwiderstehlich. Im Bad strich er mit der Bürste über sein volles Haar und lächelte sich an. Es klopfte. Er zog seinen Morgenmantel über und öffnete die Zimmertür.

„Das ist die große Rosette der Kathedrale von Reims“, erklärte er, nachdem er das Dia gewechselt hatte. Er nahm sein Glas Champagner und prostete den jungen Frauen rechts und links von sich zu. Eine trug ein Blumenkleid mit einem schwindelerregenden Dekolleté. Beide hatten nackte Arme, die er durch den Seidenstoff spürte, wenn sie sich an ihn schmiegten, um seinen Erklärungen zu folgen.

„Am Außenbau gibt es 211 mittelgroße Skulpturen und im Innenraum noch einmal 191. Die Kathedrale ist in der Tat ein bildhauerisches Gesamtkunstwerk“, erklärte er. Die Dame mit dem tiefen Dekolleté hatte ihre Hand auf seinen Oberschenkel gelegt und streichelte ihn langsam bis hin zur Leistengegend. Die andere fuhr mit der Hand zwischen die Knöpfe der Pyjamajacke und fasste ihn an die behaarte Brust. Er legte das nächste Dia ein, lehnte sich nach hinten in den Sessel und schloss die Augen. Von der weißen Wand schaute der lächelnde Engel auf ihn herab.

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