(22) Martha schämte sich für ihren Jähzorn.

von Alain Fux

Martha schämte sich für ihren Jähzorn. Nicht nur, dass sie den einzigen Händler in der Nachbarschaft, der überhaupt noch geöffnet hatte, abstrafen musste. Sie hatte auch ihr Weihnachtsmahl auf einen Liter Milch und ein paar Würfel Schmelzkäse reduziert. Hätte sie wenigstens etwas von dem Gebäck mitgenommen.

Sie schaltete den Plattenspieler ein. Mozart war genau das Richtige, um ruhiger zu werden. Sie legte eine Platte mit der Missa Solemnis auf. Sie setzte sich auf das Sofa, zog das alte Fotoalbum aus dem Bücherregal und schlug es auf einer beliebigen Seite auf. Da standen ihr Bruder und ihre kleine Schwester neben ihr auf einem Sprungbrett über einem kleinen Schwimmbecken. Es war ihre Erstkommunion gewesen und der Pool gehörte zu einem alten Fachwerkhotel, wo die Feier stattgefunden hatte. Ihr verrückter Onkel hatte das Foto geschossen. Ihre Mutter wusste natürlich nichts davon, sonst hätte sie derart gezetert, dass bestimmt ein Unglück passiert wäre. Dann hätte sie sagen können, sie habe es ja kommen sehen.

Eigentlich war die Feier der Höhepunkt ihrer Jugendzeit gewesen. Das war, bevor das Unternehmen ihres Vaters Bankrott ging und die Familie auseinanderbrach. Vorher war alles unbeschwert gewesen, nachher vieles unerträglich. Sie musste früh arbeiten gehen, ohne richtige Ausbildung. Sie heiratete, um versorgt zu sein und als sie glaubte, aus dem Gröbsten heraus zu sein, starb ihr Mann. Sie besah sich die Gesichter der Kinder auf dem Sprungbrett, das sich bereits bedenklich nach unten zur Wasseroberfläche bog. Die Augen waren frisch, klar und hoffnungsvoll. Ihr Bruder hatte den Mund offen, wahrscheinlich hatte er gerade eine geistreiche Bemerkung gemacht. Die kleine Schwester hielt sich fest an Marthas Hand.

Mit dem Fotoalbum auf den Knien schlief sie ein, ihr Kopf gestützt von der Lehne des alten, verschlissenen Sofas, auf dem sie schon als Kind gesessen hatte.

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