(18) ‚Ruhiger Ort‘, dachte Ulli…

von Alain Fux

‚Ruhiger Ort‘, dachte Ulli, ‚da weiß ich genau das Richtige.‘ Zuhause würde er keine Ruhe haben. Ein Bruder und eine Schwester – das war alles andere als ruhig. Mit den Fingern befühlte er die Schachtel in seiner Manteltasche. Eine Röntgenbrille! In den Comiczeitschriften seines älteren Bruders hatte er Anzeigen dafür gesehen. Ein Mann trug die Brille und grinste, während er eine Frauensilhouette betrachtete. Man konnte sich denken, warum der Mann grinste.

Auf dem Nachhauseweg malte Ulli sich aus, was er alles damit anschauen wollte. Oder besser: wen er alles damit anschauen wollte. Er dachte an die dralle Nachbarin, der er so gerne beim Fensterputzen zuschaute, weil ihre Brüste sich durch die kreisenden Armbewegungen so seltsam bewegten. Oder die Französischlehrerin… Bei dem Gedanken wurde ihm ganz heiß. Bestimmt war er jetzt ganz rot im Gesicht. So konnte er auf keinen Fall nach Hause gehen, seine Mutter würde sofort merken, dass etwas nicht stimmte und ihn ausfragen. Am besten, er begab sich sofort an seinen Lieblingsplatz auf dem Speicher des Hauses, in dem seine Familie und er im zweiten Stockwerk wohnten. Er öffnete die Haustür einen Spalt und horchte hinein. Es war ruhig und er schlüpfte hindurch. Auf Zehenspitzen und mit angehaltenem Atem schlich er zum Aufzug. Er stieg ein, drückte den obersten Knopf und kauerte sich ganz nach hinten in die Ecke, damit keiner, der im Treppenhaus unterwegs war, ihn durch das Gitter sehen konnte. Der Aufzug fuhr gemächlich nach oben, ruckelte ein Mal und hielt dann inne. Ulli erhob sich, blickte kurz um sich und stieg aus. Die Tür zum Speicher war nicht verschlossen, er brauchte den Schlüssel gar nicht aus dem Versteck zu nehmen. Er stieg die steile Treppe hoch und schaute vorsichtig über den Rand des Treppenschachts. Er erkannte einen Lichtschein im hinteren Teil des Speichers. Das war ungewöhnlich, denn diese Räume wurden nicht genutzt. Er stellte seinen Schulranzen auf den Boden und schlich näher. Gedeckt von einem Balken lugte er um die Ecke und sein Herz blieb stehen. Eine Frau mit langen blonden Haaren kehrte ihm den Rücken zu. Sie war dabei, ihren Büstenhalter einzuhaken, der Reißverschluss ihres Kleids war im Rücken offen, Darunter trug sie Netzstrümpfe und Schuhe mit hohen Absätzen. Ullis Gedanken schlugen Purzelbäume. Er nahm die Schachtel aus der Manteltasche, öffnete sie und zog die Brille heraus. Setzte sie auf. Durch die kleinen Löcher sah er wenig und er versuchte, den Kopf etwas weiter nach vorn zu strecken. Dabei stieß er eine leere Flasche um, die auf dem Boden stand. Er blieb wie angewurzelt stehen. Die Frau drehte sich ruckartig um. Durch die Brillenlöcher erkannte er, dass es ein Mann war. Es war Herr Schröder vom dritten Stock! Mit langen blonden Haaren und in Frauenkleidern! Herr Schröder riss sich die Perücke vom Kopf und kam auf ihn zu. Ulli lief weg, zerrte sich die Brille von der Nase, griff nach seinem Ranzen und raste die Treppe hinunter.

 

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