(13) Die Scheibenwischer versuchten…

von Alain Fux

Die Scheibenwischer versuchten gegen den schlagenden Regen anzukämpfen. Conrad Lenser lockerte die Krawatte und öffnete den obersten Hemdknopf. Bald würde er es geschafft haben. Er hielt sich etwas nach links, um das tiefe Schlagloch zu vermeiden, das nur aussah wie eine seichte Pfütze. Er bemerkte eine Silhouette in der Telefonzentrale, direkt neben der Einfahrt. ‚Ha‘, dachte er, ‚der sieht ja aus wie Clark Kent, der sich umzieht.‘ Als er näher kam, bemerkte er das rote Cape, dann das blaue Kostüm darunter. Er hatte den Wagen bereits halb in die Einfahrt manövriert und hielt direkt neben der Zelle an. Drinnen hing Superman, eine Seilschlinge um den Hals, das andere Ende war an der Zellendecke befestigt. Er spürte, wie das Blut seinen Kopf verließ. Das war sein Superman, seine lebensgroße Superman-Statue, für die er 1.999 Dollar bei Rubie’s Costume gezahlt hatte. Ida…! Sein Gesicht fühlte sich eiskalt an. Er stieg aus dem Wagen, ging herum und öffnete die Zelle. Superman stand auf dem Alukoffer mit Conrads kostbaren Erstausgaben, alles Sammlerstücke. Sie wollte ihn fertigmachen. Er schaute zum ersten Mal zum Haus hinüber. Ida beobachtete ihn mit überkreuzten Armen von der offenen Haustür aus.

Wie konnte das sein? Warum hatte sie nie etwas gesagt? Am Anfang hatte sie ein paar Bemerkungen gemacht, aber er hatte geglaubt, dass sich das mit der Zeit legen würde. Und irgendwann hatte sie aufgehört, wegen seiner Comics und seiner Sammelleidenschaft zu nörgeln. Sie hatte ihn in Ruhe gelassen.

Was jetzt? Er kam nicht gegen sie an. Sie wollte ihn nicht mehr ins Haus lassen. Es sei vorbei, teilte sie ihm mit. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Statue in den Wagen zu legen. Heimlich überprüfte er, ob der Regen Spuren hinterlassen hatte und war erleichtert, dass die Statue sich nicht etwa auflöste. Den Koffer legte er dazu und wollte so schnell wie möglich weg von Ida. Er merkte, dass er automatisch den Weg zu seinem Lieblings-Comichändler eingeschlagen hatte.

Ein Feuerwehrwagen überholte ihn mit Sirenengeheul und drehendem Blaulicht, dann noch einer. Conrad fuhr langsamer. Dann war die Straße gesperrt, ein Eckhaus brannte lichterloh. Die Feuerwehr hatte gerade mit den Löscharbeiten begonnen. Meterhoch schlugen die Flammen in den Abendhimmel. Er fuhr das Auto auf den Bürgersteig, um die Straße frei zu machen. Dann kurbelte er das Fenster hinunter und hörte das Prasseln und Krachen des brennenden Holzes. Der Rauch kitzelte ihn in der Nase, aber er war in seinen Gedanken ganz woanders.

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