(12) „Nein, Kinder, ihr müsst…

von Alain Fux

„Nein, Kinder, ihr müsst zusammenbleiben. Jonas, nimm die Hand von Maria. In Zweierreihen. Wir gehen jetzt zu den großen Tieren.“ Ida Lenser war jetzt schon erschöpft, dabei hatte sie den Vergnügungspark gerade erst mit ihrer Schulklasse betreten. Sie hatte schlecht geschlafen, wie so oft in letzter Zeit. Ihre Ehe mit Conrad war nie einfach gewesen, aber jetzt ging es klar dem Ende zu. Alle hatten sie gewarnt vor dem Eigenbrötler, dem seine Comic-Sammlung mehr bedeutete als alles andere.

„Schaut mal. Was ist das hier? Das ist eine Taube.“ Die Kinder wiederholten „Taube“ mit ihr. Wenigstens waren sie lieb und freuten sich wirklich darüber, heute in den Park zu gehen. In ein paar Jahren würde das ganz anders sein. Ida mochte die Kleinen am liebsten.

„Und jetzt machen wir eine Pause. Setzt euch auf die Bänke und schaut nach, was eure Mütter euch eingepackt haben.“

Sie hatte überhaupt keinen Zugang mehr zu Conrad. Er war wie ein Kind, zwar pflegeleicht und nett, aber sie brauchte einen Ehemann.

Die Kinder aßen Brote und Obst aus Plastikdosen. Dazu tranken sie Cola. Vor den Bänken war eine riesige, hässliche Taube aufgestellt, bestimmt einen Kopf größer als Ida. Hinter dem Kopf trug sie einen Sattel. „Möchte jemand von euch mal auf der Taube sitzen und runter schauen?“, erkundigte sich Ida und blickte von einem Kind zum anderen.

„Jonas möchte“, Maria kicherte und zeigte auf Jonas, der sie die ganze Zeit geärgert hatte. Jonas starrte sie entsetzt an und machte abwehrende Handbewegungen.

Ida dachte: ‚Gute Idee, das wird ihm vielleicht etwas Respekt einflößen und er wird für den Rest des Tages den Ball flacher halten‘.

Sie nahm Jonas an der Hand und führte ihn zu der Taube. Er wehrte sich nicht wirklich, er schien etwas geschockt zu sein und schaute verstört nach oben zu dem Taubenkopf, der majestätisch über ihn hinweg sah. Ida griff ihn unter den Armen und hob ihn hoch in den Sattel. Sie legte ihm die Zügel in die Hände und trat zurück. Plötzlich fing Jonas an zu brüllen und zu weinen. Stocksteif saß er hinter dem Taubenkopf und sein Schädel verfärbte sich rot. Ida nahm ihn wieder herunter. Als Jonas Boden unter den Füßen hatte, holte er mit einem Bein aus und traf sie am Schienbein. Sie ohrfeigte ihn.

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