(10) Es war stickig unter der Maske…

von Alain Fux

Es war stickig unter der Maske, aber Mario war es seit jeher gewohnt. Natürlich fiel er auch damit auf, aber mit der Maske litt sein Marktwert nicht. Nervös blinzelte er durch die Schlitze nach rechts und links und drückte sich an die Hauswand. Leider war es noch hell, das machte die Sache nicht einfacher, aber er hatte einfach hinaus gemusst. In dem Wohnwagen, den er mit Rudolf und Wanja teilte, hatten sie sich wieder einmal gestritten. Weil es ihm keinen Spaß mehr machte, Wanja zu quälen, hatte sich Rudolf Mario vorgeknöpft und ihn abwechselnd gekitzelt und an den Haaren gezogen. Es schmerzte jetzt noch.

Er bog um die Ecke und schreckte zurück. Vor ihm stand eine Gruppe Kinder. Sie starrten ihn an. Mario hörte nur das Pochen seines Herzens in seinen behaarten Ohren. Die Kinder, alles Buben, starrten zurück. Einer von ihnen stemmte die Hände in die Taschen seiner Lederjacke und kam auf Mario zu. „Was haben wir denn da?“

Ermutigt kamen seine Kumpanen ebenfalls näher. Mario drückte sich an die Hausmauer. Der mit der Lederjacke streckte seine Hände aus, ergriff beide Zipfel von Marios Gesichtsmaske und zog sie ihm vom Kopf. Mario schloss die Augen und hörte nur das kurze, kollektive Einatmen. Er spürte eine Hand, die die Haare an seiner Wange berührten, erst vorsichtig, dann zupften, fester und… Mario schrie leise auf, dann kam noch eine Hand und noch eine, und sie rissen an seinen Haaren, im Gesicht, am Hals, sein Umhang fiel herunter, jetzt an den Armen, Händen und Beinen. Er sank heulend auf die Knie und rief nach Rudolf.

Plötzlich ein Tumult, Füße scharrten, die Bande lief davon. Es war wieder still. Mario öffnete zögernd die Augen und sah einen sehr großen Mann mit blankpolierten Schuhen, karierten Hosen, einer langen Jacke im gleichen Muster und einem Hut mit einer langen Feder. Er beugte sich zu Mario herunter und besah ihn sich durch ein Monokel. „Und wer bist du?“ – „Mario.“ Er schaute auf die Schuhe, in denen er sich gespiegelt erkannte. „Mario, der Affenjunge.“

„Nein, du bist kein Affe, du bist ein Mensch!“, stellte Dr. Zonas fest und betrachte Mario eingehend aus nächster Nähe, als ob er auch den kleinsten Zweifel an dieser Aussage beseitigen wollte. „Ein Mensch!“, bekräftigte er noch einmal. „Und jetzt gehen wir ein Eis essen. Du magst doch Eis? Alle Menschenkinder mögen Eis.“

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