Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: März, 2015

(36) „Halt“, rief die dunkle Gestalt…

„Halt“, rief die dunkle Gestalt, die ihr den Weg in die Wohnung versperrte. Der Hut war tief in die Stirn gezogen, so dass man die Gesichtszüge nicht sehen konnte. Der Körper war groß und stand etwas schief.

„Mensch, Karla“, schimpfte Marianne, „was hast du mich jetzt erschreckt. Laura, jetzt lass mal Karla wieder runter.“

Die Mädchen lachten fröhlich über ihren Streich. Karla nahm den Hut ab, reichte ihn Marianne und knöpfte den Mantel auf. Darunter kam Laura zum Vorschein, die ihre Schwester auf den Schultern getragen hatte. „Ihr sollt nicht die Sachen vom Opa zum Verkleiden nehmen“, mahnte Marianne, „ihr wisst doch, dass er sehr unangenehm werden kann. Legt den Mantel und den Hut schnell zurück. Das gibt sonst wieder Ärger.“

Murrend brachten die Mädchen die Kleidungsstücke in Giuseppes Zimmer. Marianne hängte ihren blauen Seidenkimono auf. Nach dem Hamam war sie jedes Mal erschöpft, aber glücklich. Es war auch der einzige Luxus in ihrem Leben, denn sie wünschte sich nichts sehnlicher, als mit den Kindern eine eigene Wohnung zu beziehen und sparte deshalb so gut sie konnte. Natürlich war sie ihrem Schwiegervater dankbar, dass er sie aufgenommen hatte. Als Fabio, ihr Mann, vor zwei Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, wusste sie nicht mehr ein noch aus. „Famiglia“, hatte Guiseppe damals dramatisch gemeint. Fabio hatte nur Schulden hinterlassen, für die sie aufkommen musste. Auch dabei hatte Guiseppe sie unterstützt. Aber es war ihr eine große Last, auf sein Wohlwollen angewiesen zu sein. Und das Zusammenleben mit ihm war nicht einfach, denn er benahm sich wie ein Patriarch. Sie fühlte sich wie eine Magd in seinem Haushalt.

(35) Iskender wartete im Eingangsbereich des Hamam.

Iskender wartete im Eingangsbereich des Hamam. Den Eintrittspreis hatte er bereits für Anke mit bezahlt. Sie war sich nicht sicher, was sie erwarten würde, denn sie war noch nie zuvor in einem Hamam gewesen. Sie bekam ein kariertes Leinentuch und eine runde Metallschale von der Dame an der Kasse in die Hand gedrückt. Als sie damit etwas ratlos dastand, nahm sie eine junge Türkin, die hier arbeitete, mit in den Frauenbereich. Iskender winkte ihr nach und sagte, sie würden sich gleich zum Entspannen wiedersehen. Anke bekam einen Schnellunterricht in Sachen Hamam: wie sie das Tuch wickeln musste, was sie mit der Metallschale anfangen sollte, was man hier unter einem Peeling verstand und noch vieles mehr.

Kurze Zeit darauf lag sie auf einer Marmorplatte und eine korpulente Frau mit massigen Armen übergoss sie mit Wasser. Dann bohrte sie mit ihren Fingern in Ankes Rücken und schien auf der Suche nach einzelnen Wirbeln zu sein.

Die Masseurin sprach hin und wieder einzelne Worte, die Anke aber nicht verstand. „Kese“, erklärte die Frau jetzt und rieb ihr die Haut ab mit einem Tuch, das sich anfühlte wie eine Drahtbürste. ‚Das muss das Peeling sein‘, dachte Anke, konnte aber nicht nachfragen, denn jetzt wurde sie mit einem Pinsel von Kopf bis Fuß eingeseift. „Sabunlama“, hörte sie durch den Schaum. Das war angenehm, bis sie von einem Schwall kalten Wassers übergossen wurde. Am Ende wickelte sie sich in das hingehaltene Frotteetuch und wurde in einen Raum geschoben, in dem bereits andere Gäste auf Ruhebetten lagen.

Eine Frau in einem blauen Seidenkimono schaute zu ihr hinauf und meinte: „Sie sind zum ersten Mal hier? Warten Sie eine Stunde, dann fühlen Sie sich so richtig gut.“

Die Masseurin brachte Anke zu Iskender, sagte ihm etwas und kicherte dabei. Anke setzte sich auf das Ruhebett neben ihm und streckte sich aus. „Na, wie war es?“, fragte er und strahlte sie an. „Aufwühlend“, meinte sie, was er mit einem kehligen Lachen quittierte. Sie tranken Tee zusammen und Iskender erklärte ihr die lange Kultur der Hamams. Anke hörte ihm zu und stellte fest, dass sie nicht einmal wusste, ob Iskender verheiratet war oder nicht.

(34) Anke hielt es nicht mehr aus…

Anke hielt es nicht mehr aus, in der gleichen Wohnung zu sein wie Jochen. Die meiste Zeit verbrachte sie in der Küche. Manchmal starrte sie minutenlang auf den Sekundenzähler, wie er sich auf dem Zifferblatt der Wanduhr bewegte. Nur morgens, wenn Jochen noch schlief und bevor sie zur Arbeit musste, setzte sie sich auch mal ins Wohnzimmer. Abends nie.

Sie irrte planlos die Straße entlang. Als sie aufschaute, merkte sie, dass jemand ihr hinter der Schaufensterscheibe lächelnd zuwinkte. Es war Iskender, der Obst- und Gemüsehändler. Er bat sie, hereinzukommen. Sie betrat seinen Laden.

„Warum sieht eine so hübsche Frau wie du so traurig aus? Wer ist Schuld daran? Wen soll ich verprügeln? Sag es mir.“ Sie musste lachen, denn Iskender sah tatsächlich so aus, als ob er es jederzeit mit allen aufnehmen würde. Zwar recht grauhaarig, aber immer noch gut beieinander. Und er lächelte gern und viel, wenn er Kundinnen im Laden hatte.

„Männer und Frauen“, erklärte er, „müssen zusammenpassen. Da geht nicht einfach alles. Es gibt Spielregeln. Dann ist alles wunderbar. Hier, ich zeige dir.“ Er zog sie vor einen Schrank, den er öffnete. Innen waren Tüten, Bindfäden, Einweckgläser und andere Dinge, die man in einem Gemüseladen gebrauchen konnte. Er zeigte auf die Innenseite der Tür.

Dort hing eine Seite aus einer Illustrierten und darauf zu sehen war ein Foto von Arnold Schwarzenegger als jungem Bodybuilder. Auf dem Foto saß er auf den Schultern einer großbusigen Frau mit tiefem Dekolleté, die ihn mühelos zu tragen schien.

„Das ist dein Frauenbild?“ Anke war verwirrt. Iskender strahlte. „Starker Mann braucht eine starke Frau. Starke Frau braucht einen starken Mann. Beide müssen stark sein. Sonst geht es nicht.“- „Aber warum sitzt der Mann auf den Schultern der Frau?“ – „Damit man sieht, dass sie stark ist. Würde die Frau auf den Schultern des Mannes sitzen, würde jeder sagen, die Frau ist schwach und der Mann muss sie tragen.“ Das schien Anke einleuchtend und sie lachte zurück.

Eine halbe Stunde später verließ sie den Laden, hatte einen Kaffee mit Iskender getrunken, sie hatten noch mehr gelacht und er hatte sie für den nächsten Tag zu einem gemeinsamen Besuch in den Hamam eingeladen. „Morgen ist Familientag“, hatte er erklärt.

(33) „Ich gebe ab an…

„Ich gebe ab an unsere New York-Korrespondentin Klara Freeman, die uns von einem tierischen Polizeieinsatz in Brooklyn berichten kann. Klara?“ – „Hallo Katja. Wir stehen hier in New York City, in einer feinen Wohngegend. Vor vier Stunden wurde die Polizei alarmiert, weil ein Mieter einen ausgewachsenen Bären in seiner Wohnung hält. Wir konnten vorhin kurz mit der Vermieterin sprechen, die die Polizei gerufen hatte. Der Bär scheint groß und sehr gefährlich, wenn nicht gar blutrünstig zu sein. Der Mieter ist wohl psychisch gestört. Die Polizei hat seinen Psychiater herbringen lassen, um mit dem Mann zu reden. Die SWAT-Teams halten sich bereit. Es wurde mir gesagt, dass die Einsatzkräfte mit Elefantenwaffen ausgerüstet sind. Kathy, warten Sie, ich bekomme gerade ein Update der Situation. Ich lese gerade hier, dass der Bär in Wirklichkeit ein Bernhardiner, also ein Hund, sein soll. Das ändert natürlich die Lage und wir müssen uns fragen, wie die Polizei die Umstände derart falsch einschätzen konnte. Und damit gebe ich zurück nach Deutschland. Hier ist Klara Freeman für Nachrichten Direkt.“

Jochen zog die Beine an und setzte sich in den Schneidersitz. Er trank einen Schluck Holsten aus der Flasche und betätigte mit der anderen Hand die Fernbedienung.

„Mit diesen Streichkissen gelingen Ihnen beim Anstreichen einwandfrei randscharfe Farbabtrennungen, und zwar überall: an Fußleisten, Türrahmen, zwischen Wand und Decke.“ Interessiert folgte Jochen den Ausführungen. Dann stand Anke, seine Frau, in der Tür. Mit zwei Einkaufstüten bepackt schaute sie zu ihm hinüber und er winkte ihr vom Sofa zu. Sie drehte sich um und ging in die Küche. Sie stellte die Einkaufstaschen ab und blieb für ein paar Minuten regungslos stehen, starrte zum Fenster hinaus auf den Baum, der bereits alle Blätter verloren hatte. Dann packte sie die Einkaufstaschen aus und räumte die Lebensmittel weg. Bier zu kaufen hatte sie sich schon vor Monaten geweigert. Wenn man so wollte, war das Bierholen der einzige Beitrag von Jochen zu ihrem Haushalt. Anke trank kein Bier. Sie hasste Bier so sehr, wie sie Homeshopping-Sendungen und schmutzige Unterhosen hasste.

Mit dem Lappen fuhr sie zwei Mal um den Rand der Spüle herum. Sie legte den Lappen zurück, rief Jochen zu, sie habe etwas vergessen und verließ die Wohnung wieder.

(32) In diesem Augenblick…

In diesem Augenblick hatte zum Glück sein Notfallhandy geklingelt. Die Polizei war dran, er solle sofort zu 151 Garfield Place in Brooklyn kommen. Es ginge um seinen Patienten Bert Landau. Jeff hatte ihn verächtlich grinsend zur Tür gebracht. Rosenblatt tat es Leid wegen Bobby. Es lief wirklich gar nicht gut.

Vor dem Wohnhaus von Landau standen mehrere Streifenwagen mit pulsierenden Lichtern in der Straße und blockierten den Verkehr. Auf dem Bürgersteig vor dem Eingang parkte ein Lastwagen des Brooklyn Zoo. Mehrere Kamerateams waren auch da. Rosenblatt begab sich zu einem Polizisten und erkundigte sich nach Lieutenant Brooks.

Brooks erklärte Rosenblatt in groben Zügen die Lage. Die Vermieterin von Landau hatte zufällig herausgefunden, dass Landau in seiner Wohnung einen großen Stahlkäfig gebaut hatte und darin einen ausgewachsenen Bären hielt. Sie rief sofort die Polizei. Landau verrammelte sich in seiner Wohnung und drohte, den Bären frei zu lassen, wenn man ihn nicht in Ruhe ließe. Er hatte auch nach Dr. Rosenblatt gefragt, daher der Anruf. Brooks wollte wissen, was für ein Mensch Landau sei. „Und bitte, kommen Sie mir jetzt nicht mit ärztlicher Schweigepflicht, es geht um Leben, nicht zuletzt um das Ihres Patienten.“ Rosenblatt erzählte, dass Landau seit seiner Jugend unter manischen Schüben litt und der Umgang mit ihm wegen seines Realitätsverlusts nicht einfach war. Reiches Elternhaus, deshalb auch die Wohnung in bester Lage und die Behandlung bei Rosenblatt. „Wozu ist er fähig?“, fragte Brooks. „Wenn er einen manischen Schub hat, zu allem. Und ich denke, dass dieses ganze Theater“, Rosenblatt zeigte auf die Streifenwagen, die Fernsehcrews und die vielen Zuschauer, „das alles kann diesen Schub auslösen.“ Brooks gab Anweisung, den Platz vor dem Haus weitläufiger zu räumen. „Dr. Rosenblatt, kommen Sie mit rein. Sie müssen mit ihm reden.“

Im Treppenhaus lagen vermummte und bewaffnete Einsatzkräfte und schienen zum Äußersten bereit. Im dritten Stock, wo Landau wohnte, war es ruhig. Rosenblatt schritt zur Tür von Apartment 31 und klopfte leise. „Herr Landau“, er räusperte sich, „Herr Landau, hier ist Dr. Rosenblatt. Wie fühlen Sie sich?“

Landau hatte schließlich eingewilligt, mit ihm zu reden. Am Ende von langen Verhandlungen und Sicherheitsvorkehrungen hatte er ihn in die Wohnung gelassen. Trotz der Anspannung entging Dr. Rosenblatt die Ironie nicht, dass Landau verlangte, dass sein Arzt sich vollständig entkleidete, bevor er ihn herein ließ.

In der Wohnung stellte es sich heraus, dass der Bär, vor dem die Vermieterin gewarnt hatte, in Wirklichkeit ein gemütlicher Bernhardiner war, der Rosenblatt mit weltmüden Augen betrachtete. ‚Fehlt nur noch das Fass Cognac um den Hals‘, dachte der Psychiater. Rosenblatt fühlte sich lächerlich und schlang sich die Hundedecke um die Hüften, bevor er hinausging, um Brooks zu informieren.

(31) Rosenblatt klingelte an der Tür…

Rosenblatt klingelte an der Tür von Apartment 193, das einmal sein eigenes gewesen war. Jeff, das Faktotum seiner Frau, öffnete. Rosenblatt konnte diesen Kalifornier nicht ausstehen. Keine Eifersucht, nur pure Abneigung. Jeff brachte ihn ins minimalistisch, aber dennoch teuer eingerichtete Wohnzimmer. Vor einiger Zeit hätte er noch die Namen der Designer herunterbeten können, aber die brauchte er sich jetzt nicht mehr zu merken. Er stellte die Tüte von FAO Schwarz ab und setzte sich auf das Ledersofa. Die Tür öffnete sich wieder und Jeff führte Bobby herein.

„Daddy!“, schrie Bobby und lief auf Rosenblatt zu, der vom Sofa aufsprang und seinen Sohn an sich drückte, als ob er ihn seit Jahren nicht gesehen hätte. Jeff setzte sich mit einem Magazin in eine Ecke. Bobby hatte natürlich sofort die rote gestreifte Tüte entdeckt und sah seinen Vater erwartungsvoll an. Rosenblatt überreichte die Tüte seinem Sohn, der sein Geschenk herausnahm, auspackte und sich über den Plüsch-Baghira freute.

Rosenblatt befragte den Jungen nach der Schule, seinen Freunden, Baseball oder was er gerade lese. Bobby antwortete bereitwillig, wenn auch recht kurzsilbig. Rosenblatt strich ihm durch das Haar. Jedes Mal, wenn er seinen Sohn wiedersah, schien es ihm, als ob er im Zeitraffer wachse. „Daddy“, fragte Bobby unvermittelt, „was ist ein Nudist?“ – „Hast du das von Mami? Nun, ein Nudist ist jemand, der sehr gerne in der Natur ist. Und um die Natur besser zu fühlen, ist er auch gerne ohne Kleidung draußen.“ Bobby dachte darüber nach und streichelte Baghiras Kopf. „Bist du ein Nudist?“ – „Ja, manchmal bin ich ein Nudist. Viele Menschen sind Nudisten.“ Jeff raschelte mit der Zeitschrift. Rosenblatt suchte nach einer Möglichkeit, das Thema zu wechseln, denn es lief nicht optimal. „Daddy, Mami hat gesagt, dass du ein perverser Nudist bist. Was ist pervers?“

(30) „Es muss aber nicht immer zur Scheidung kommen.“

„Es muss aber nicht immer zur Scheidung kommen.“ Jetzt war wieder Rosenblatt dran. „Eine wahre Geschichte aus den Hamptons. Eine Frau, ebenfalls wohlhabend, war sehr genervt von den ständigen Seitensprüngen ihres Mannes. Hier hatte ER das Geld, ein richtiger Silberrücken, hatte sich aus dem Nichts hochgearbeitet. Sie hätte sich natürlich scheiden lassen können, aber das wollte sie nicht. So gab sie ihr Pilates-Training auf und nahm Kurse im Thai-Boxen. Nach ein paar Monaten war sie recht gut geworden.

Als ihr Mann wieder einmal abends von einer fremden Frau zurück nach Hause kam, erwartete sie ihn und verdrosch ihn nach Strich und Faden. Nasenbeinfraktur, Rippenkontusionen, diverse Quetschungen und so weiter. Die Liste der Verletzungen war lang. Er musste ins Krankenhaus, er sah wohl nicht schön aus. Wochenlang war er nur per Telefon erreichbar. Anschließend kosmetische Chirurgie. Hat sich dann auch gleich Fett absaugen und liften lassen.

Du würdest erwarten, dass diese Ehe hinüber ist und die beiden nur noch über Anwälte miteinander kommunizieren. Aber ganz im Gegenteil. Die Ehe wuchs wieder zusammen, er geht nicht mehr fremd und sie ist wieder zu Pilates zurückgekehrt. Eine glücklichere Ehe hat man noch nicht gesehen, heißt es.“

„Sie funktioniert also doch, die viel geschmähte häusliche Gewalt. Wie geht es eigentlich deiner Frau?“ – „Spielen wir jetzt freie Assoziation?“, entgegnete Rosenblatt pikiert. „Es hat sich nichts geändert. Sie mag mich nicht, wir sind immer noch geschieden. Und heute Abend darf ich gnädigerweise meinen Sohn sehen. Zwar in ihrer Wohnung, unter Aufsicht ihres unsäglichen Personals, das ich natürlich auch noch zahle. Aber immerhin. Vielleicht wird sie irgendwann einverstanden sein, dass Bobby mal wieder ein Wochenende bei mir verbringt.“

Die Sonnenscheibe war jetzt komplett unter dem Horizont verschwunden. Sie erklärten die session für closed, zogen sich an, gingen gemeinsam zum Parkplatz und fuhren dann, jeder in seinem Auto, wieder über den Robert Moses Causeway in Richtung Babylon zurück.

(29) „Ein Kollege“, erzählte jetzt Fisher…

„Ein Kollege“, erzählte jetzt Fisher, „hat mir diese Woche von einem Fall berichtet. Dabei ging es um einen Unternehmer, der bei ihm in Behandlung war. Der Manager war sehr erfolgreich und glaubte, sich über gesellschaftliche Normen hinweg setzen zu können. Er bildete sich ein, dass er bei wichtigen Verhandlungen stets eine hübsche Frau neben sich setzen musste. Dies löse bei ihm ein Imponiergehabe aus und das mache ihn in den Verhandlungen härter, aber auch wendiger. Da es niemand in der Firma gab, der ihm das auszureden wagte und das Konzept auch zu funktionieren schien, gehörte es bald zu seinem festen Repertoire.

Mit der Zeit ging er aber weiter und führte wichtige Telefongespräche nur noch, wenn seine Sekretärin ihm auf dem Schoß saß. Auch das schien zu funktionieren, das Unternehmen florierte. Zum Eklat kam es allerdings, als er ausprobieren wollte, ob eine nackte Sekretärin noch besser wirken würde.“ – „Dazu hätte es einer Doppelblind-Studie gebraucht“, scherzte Rosenblatt. „Genau, gute Idee. Sollten wir vorschlagen, aber das war nicht mehr relevant. Bei seinem, nennen wir es Feldversuch, trat seine Frau in das Arbeitszimmer und erwischte beide in flagranti beim Telefonieren.“ – „Autsch.“ – „Noch schlimmer: Der Frau gehörte das Unternehmen, er war nur Angestellter. Sie warf ihn raus. Seitdem kommt er auch nicht mehr zur Behandlung, denn die kann er sich nicht mehr leisten.“

„Hartes Schicksal“, meinte Rosenblatt und nippte an seinem Bier, „das war bestimmt ein einträglicher Patient. Ich hoffe, der Kollege hatte im richtigen Moment liquidiert.“

Die Sonne berührte jetzt fast den Horizont.

(28) Rosenblatt erzählte von einem Stummfilm…

Rosenblatt erzählte von einem Stummfilm, den er zwei Tage vorher auf einem seiner 181 Kabelkanäle gesehen hatte. Dabei ging es um ein junges, hübsches Mädchen und seinen Galan. Aus unerfindlichen Gründen liefen beide auch am helllichten Tag in Abendgarderobe herum. Die beiden konnten aber nicht zueinander finden, denn es gab Hindernisse. „Und hier, Herr Kollege, wurde der Film sehr spannend“, erklärte Rosenblatt. „Die Hindernisse waren einerseits eine strenge Tante und ein Butler, der sich plötzlich in einen Werwolf verwandelte. Dazu kamen ein entlaufener Gorilla, der sich im Haus der Tante versteckte sowie ein äußerst fieser Maharadscha, dem der entlaufene Gorilla gehörte. Deswegen kam der Maharadscha auch ins Haus, lernte das Mädchen kennen und wollte es entführen. Wie Maharadschas halt so sind.“ Inszeniert war die Geschichte mit gehörigem Klamauk und etlichen Verfolgungsjagden, bei der sich die Protagonisten alle gegenseitig hinterherliefen. Dennoch hatte Rosenblatt sich den Streifen vollständig angesehen.

„Und?“, frage Fisher, „warum? Wo ist der Witz?“ – „Merkst du es denn nicht?“, forderte ihn Rosenblatt heraus. „Das ist eine Darstellung von Freuds Strukturmodell der Psyche. Die Tante und der Maharadscha sind das Über-Ich, der Werwolf-Butler und der Gorilla stellen das triebhafte Ich dar. Dazwischen die beiden Protagonisten, zwischen Triebverzicht und –aufschub. Natürlich wurden die Triebe nicht erfüllt, es war ja ein Stummfilm, dazu noch im Basispaket.“

Fisher kicherte in seine Papiertüte hinein. „Ihr Freudianer solltet euch mal besser selbst auf die Couch legen, als euch dahinter zu positionieren.“ – „Herr Dr. Fisher“, Rosenblatt gab sich gekränkt, „ich bin Psychiater wie Sie. Auch wenn ich anderen Theorien gegenüber etwas aufgeschlossener bin, macht mich das noch nicht zum Freudianer!“ Jetzt mussten beide lachen, prosteten sich wieder zu und schauten ein paar Minuten still in die langsam untergehende Sonne.

(27) „Die Positivsymptome beim Patienten…

„Die Positivsymptome beim Patienten äußerten sich schon in seinem frühen Erwachsenenleben. Am College durchlebte er eine schizophrene Psychose, in der ihm Phantasiegestalten erschienen. Nach einem kompletten Zusammenbruch und einer anschließenden Einweisung in eine geschlossene Anstalt konnte eine Wiederholung bislang vermieden werden. Nach seiner Entlassung wurde die Psychotherapie fortgesetzt und zeigt gute Erfolge. Patient ist allerdings weiterhin depressiv und nimmt an einer medikamentösen Behandlung teil.“

Dr. Fisher legte das Diktiergerät in die Halterung zurück. Er ging zur Tür und öffnete sie.

„Mildred, das Diktat zu Patient Lewis ist fertig, wenn Sie es abgetippt haben, können Sie auch ins Wochenende gehen. Ich muss gleich los.“ In seinem Büro zog er sich um und fuhr mit dem Aufzug in die Tiefgarage.

Nach einer guten Stunde war er in West Islip angekommen und fuhr über den Robert Moses Causeway, der die Great South Bay überquerte. Der Geruch des Meeres, der leichte Wind, der ihm die Haare auf den Armen aufkräuselte – all das machte ihn glücklich. Als er auf Fire Island am Wasserturm um den Kreisverkehr fuhr, steigerte sich seine Vorfreude noch weiter. Schließlich parkte er am Leuchtturm und spazierte durch die Dünen hinüber zum Lighthouse Beach. ‚ATTENTION Clothing Optional Area‘ grüßte ihn die Hinweistafel, über die er jedes Mal lächeln musste. Er zog sein Hemd aus. Freitagnachmittag, es war einiges los. Er stieg die Holztreppe hinab zum Strand, zog Slipper und Strümpfe aus und trat in den angenehm warmen Sand.

Andy Fisher stellte den Liegestuhl auf und zog auch den Rest seiner Kleidung aus. Fast alle um ihn herum waren nackt. Einige kannte er, man nickte sich zu. Ein paar Angezogene waren auch darunter. ‚Wer ist jetzt der Freak‘, dachte er und setzte sich hin, in die erste Reihe vor dem Meer, in Blickrichtung zum Horizont.

„The doctor is in“, rief es hinter ihm. Robert Rosenblatt war angekommen. „The doctors are in“, korrigierte Fisher. Rosenblatt war schon nackt, stellte seinen Liegestuhl neben Fisher, die Kühltasche in die Mitte und setzte sich hin.

„The committee is in session“, stellte Fisher fest, als sie die Bierbüchsen in den Papiertüten geöffnet hatten und sich zuprosteten.

„Tolles Gefühl“, schwelgte Rosenblatt, „am Ende einer langen Arbeitswoche sein Skrotum im Atlantikwind zu lüften.“