(358) Ah, Schaffner 71.

von Alain Fux

„Ah, Schaffner 71. Danke, dass du so schnell gekommen bist. Nimm Platz.“ Dom Lex wies auf einen Stuhl und Schaffner 71 setzte sich. Dom Lex wühlte unter dem Papierhaufen auf dem Schreibtisch und fand das Blatt, nach dem er suchte. „Du weißt natürlich, worum es geht.“ – „Ich ahne es.“ – „Es geht um ihn. Diese undankbare Kreatur Matt Turner.“ – „Ja, in der Tat, er ist etwas anstrengend.“ – „Er ist einer von denen, bei denen es einem leidtut, dass die Hölle doch nicht gebaut wurde.“ – „Er braucht etwas mehr Zeit, Dom Lex.“ – „Nein, er passt nicht hierher, das ist klar. Er will nicht einfach nur sein, sondern er will ständig irgendetwas tun. Als ob nicht längst schon alles getan war, als wir anfingen zu denken. Ich habe Klagen über ihn ohne Ende. Alle fühlen sich unwohl, wenn er in der Nähe ist. Er missbraucht Menschen und Gegenstände. Hebt ständig Möbel hoch und zählt dabei. Und wenn er keine Möbel hat, dann nimmt er dafür Mitbewohner. Meistens etwas korpulentere, und die beschweren sich dann bei mir. Warum kann er Menschen nicht einfach stehen lassen?“ – „Ich weiß es nicht, Dom Lex. Er spürt diese Unruhe in sich…“ – „Unsinn. Er soll es genießen, statt auf einem Arm Liegestütze zu machen und ständig andere Menschen zu bitten, seinen Arm anzufassen und zu sagen, ob er immer noch so hart ist wie am Vortag. Er hat mich sogar schon deswegen gefragt – ich wäre fast im Erdboden verschwunden. Das ist alles eklig und es muss aufhören.“ – „Soll ich noch mal mit ihm reden? Ich denke, ich habe einen guten Einfluss…“ – „Nein, es hat jetzt ein Ende mit dem Reden, jetzt müssen wir agieren.“ Schaffner 71 schien alarmiert. „Du meinst doch nicht etwa…?“ – „Doch genau das. Wenn alles andere versagt hat, und das hat es, trotz all unserer Mühe, dann hilft nur noch die Reinkarnation.“ – „Autsch“, sagte Schaffner 71. „Er hat so tolle Muskeln, da schaut man gerne hin. Er wird uns fehlen.“ – „Mir nicht. Reinkarnation, die beste Art, solche Leute loszuwerden seit was weiß ich.“ – „Mir wird er fehlen. Naja, vielleicht lernt er ja etwas dazu.“ – „Und wir werden die Möglichkeit haben, das zu beurteilen. Das ist ja das Blöde an der Reinkarnation: Die Leute kommen immer wieder und dann muss man sie, meistens, wieder losschicken. Entweder man hat es drauf oder nicht.“ – „Wo willst Du ihn denn schicken?“

Dom Lex schaute in seinen Computer. „Er ist ja jemand, der Dinge gerne physisch hat…“ – „Ja.“ – „Und gerne auch dabei leidet, wenn er sich um seine körperliche Seite kümmert. Da muss es doch etwas geben…“ – „Du suchst jetzt etwas als Lastenelefant in Indien, oder so etwas?“ – „Gute Idee, aber es sollte etwas Besonderes sein.“ Dom Lex blätterte in seiner Datenbank. Dann stieß er einen spitzen Schrei aus und hob den Zeigefinger. „Ich habe es. Passt hervorragend. Wir machen ihn zu einem Tänzer. Modernes Tanztheater. Wenn das nicht physisch ist, dann weiß ich auch nicht. Und zwar ab morgen, denn da ist eine Stelle frei.“ Dom Lex griff nach einem Formularblock und füllte eine Seite aus. „Kannst Du ihn morgen dahin begleiten? Damit er unterwegs nicht noch auf Wolken Liegestütze macht, und abstürzt.“ – „OK, ich mache es. Wuppertal? Oh je, das ist eine Strafe.“

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