(355) Marty Turner war ein aufstrebender Stern am Bodybuilderhimmel.

von Alain Fux

Marty Turner war ein aufstrebender Stern am Bodybuilderhimmel. Die Träger seines Muscleshirts waren von den ausgeprägten Schultermuskeln völlig angespannt. Marrs, der Turner mit seinem Diktiergerät gegenübersaß, fühlte sich wie ein halber Mensch. Der Bodybuilder hatte sein Training für das Interview unterbrochen und saß, immer noch schweißglänzend, mit Marrs in der Ruhezone des Studios. Mit einem Frotteehandtuch trocknete er sich ab, als Marrs seine erste Frage stellte.

„Mr Turner…“ – „Nennen Sie mich Matt. Alle nennen mich Matt.“ – „Gut. Matt, was mir beim Bodybuilding auffällt, ist, dass es darum geht, einzelne Muskelgruppen jeweils kontrastreich hervorzuheben. Sehen Sie da auch eine Nähe zur Bildhauerei, wo der Künstler versucht, die Binnengliederung des Körpers in einzelne Muskelstränge und -pakete akribisch darzustellen?“ Turner hielt mit dem Abtrocknen inne, faltete das Handtuch zusammen und drapierte es über sein Knie. „Muskeln definieren ist nichts weniger als Fett verbrennen und dazu musst du mehr Energie verbrauchen als du zu dir nimmst.“ – „Interessant, Matt. Führt das dazu, dass man als Sportler von Muskeln nicht genug kriegen kann?“ – „Aha, ich verstehe, Mann. Sie spielen jetzt auf Doping an. Lassen Sie mich dazu eins sagen: Alle Gerüchte, dass ich irgendwelche Mittel zu mir nehme, sind einfach gelogen. Ich habe noch nie nachgeholfen. Alles was Sie hier sehen, ist das Ergebnis von harter, ausdauernder Arbeit. Konzentriert, wie unter einer Glocke. Jeden Tag. Und das gilt für den Side Chest, den Side Triceps oder den Most Muscular.“ Turner phrasierte den letzten Satz, indem er die jeweiligen Posen einnahm. Bei der Most Muscular-Pose verzerrte er sein Gesicht und schaute Marrs dabei grimmig an. Marrs fummelte an seinem Schreibblock herum, auf dem er seine Fragen aufgeschrieben hatte. „Sehr gut, Matt. Beeindruckend. Wirklich. Aber zurück zu meinen Fragen.“ Er wollte Turners Unterstützung zurückgewinnen und suchte eine einfache Frage. „Was sind Ihre Ziele?“ Das war auch bei Künstlern immer eine Frage gewesen, um sich aus der Schusslinie zu begeben. Turner war ebenfalls von der Frage beglückt. „Ich will Mr Universum werden, ganz klar. Letztes Jahr hat nur wenig gefehlt. Ich will es jetzt wissen.“ Marrs nickt glücklich, das Interview lief wieder besser. Er fragte Turner nach den Fortschritten, die er seither erzielt hatte und der Bodybuilder erzählte entspannt, wie er sich immer weiter entwickelte.

Marrs hatte den Eindruck, dass er sich jetzt wieder den Fragen widmen konnte, die ihn eigentlich interessierten. „Sehen Sie denn eine geistige Verwandtschaft mit den alten Griechen, mit ihrer ausgeprägten Körperlichkeit? Wie stehen Sie zu dem griechischen Ideal?“

„Jetzt hören Sie mal mit ‚griechisch‘ auf, Mann. Ich bin kein so einer. Du denkst, weil hier jemand seine Haut zeigt und gut drauf ist, kannst du bei dem landen. Hier geht es um Training, Disziplin, der Kampf mit dir selbst… Du hast ja keine Ahnung, du Schwuchtel!“ Turner stand auf, warf Marrs das nasse Handtuch ins Gesicht und stürmte aus der Ruhezone hinaus.

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