(354) Die Fehde gegen Kenneth Marrs, oder Muskel-Marrs wie ihn alle nunmehr nannten, fand kein Ende.

von Alain Fux

Die Fehde gegen Kenneth Marrs, oder Muskel-Marrs wie ihn alle nunmehr nannten, fand kein Ende. Es rächte sich, dass er sich vorher jede Menge Feinde gemacht hatte. Schließlich wurde es dem Verleger zu bunt und er beauftragte den Chefredakteur, Marrs zu feuern. „Die Kunst, Marrs, ist eine ernste Sache“, sagte der Chefredakteur bedauernd. „Sie haben aktuell ein massives Glaubwürdigkeitsproblem und das überträgt sich auf die Zeitung. Der Verleger ist besorgt und schließlich geht es auch um die Arbeitsplatzsicherheit der Kollegen. Ich hoffe auf Ihr Verständnis.“ Marrs hatte kein Verständnis, aber auch keine Wahl. Er akzeptierte die magere Abfindung, denn es war besser, als wenn er dagegen prozessierte. Er war arbeitslos.

Zuerst fuhr er in den Urlaub nach Marokko, konnte die Zeit aber nicht genießen, weil er sich Sorgen um die Zukunft machte und sich ständig einredete, dass er besser täte, nach einem Job zu suchen. Seine Ex-Frau machte sich auch Sorgen, denn sie fürchtete um die ihr zustehende Unterstützung. Ihre ständigen SMS ließen ihn nicht zur Ruhe kommen und so brach er den Urlaub ab. Er machte eine Runde bei allen Zeitungen, die einen Feuilletonteil unterhielten. Aber es war, als ob er auf dem Weg in einen Hundehaufen getreten wäre. Man empfing ihn zwar, aber nur in nicht-einsichtbaren Räumen und war froh, wenn er schnell wieder weg war. Niemand wollte derzeit Kenneth Marrs im Impressum aufführen.

Anscheinend galt das aber nur für die arrivierte Presse. Eines Tages fand Marrs in seinem Briefkasten ein Schreiben eines gewissen Frederick Brooks, der ihm Arbeit anbot. Brooks war der Herausgeber einer Bodybuilder-Zeitschrift namens ‚Musculus‘. „Ich finde Ihre Gedanken zum Thema Muskeln in der Kunst sehr treffend, mein lieber Mr Marrs. Es wäre mir eine Ehre, wenn Sie auf freiberuflicher Basis Artikel für uns schreiben würden.“ Nach der bisher erfahrenen Ablehnung fand Marrs den Brief als wohltuend, war aber gleichzeitig auch bedrückt, dass er von einem Absender kam, dem er vor Kurzem nicht einmal geantwortet hätte. Während Marrs seine Finanzen überprüfte, rief wieder seine Frau an und mahnte die monatliche Zahlung an. Er sagte ihr, dass er gerade ein neues Jobangebot erhalten hatte. Damit war die Entscheidung zugunsten von Musculus also getroffen. Er traf sich mit Brooks, einem kahlköpfigen, beidarmig tätowierten Muskelprotz, der jedoch über eine sehr melodische Stimme verfügte. Wegen Brooks‘ netten und verbindlichen Umgangsformen war das Treffen für Marrs eine Wohltat, nach all den Schmähungen, die er im rauen Kunstbetrieb hatte erfahren müssen. Brooks akzeptierte die zwei Bedingungen, die Marrs stellte: er verlangte einen Vorschuss und er wollte seine Artikel unter Pseudonym veröffentlichen, um nicht alle Brücken hinter sich einzureißen. Das verstand Brooks und fragte, ob Marrs sich schon einen Künstlernamen überlegt hatte. Marrs sagte, dass er an ‚Arnold Breaker‘ gedacht hatte. „Das ist ok, guter Name“, meinte Brooks, „das erinnert vage an Schwarzenegger.“ Er reichte Marrs seine riesige Hand und Marrs war erstaunt, wie zart sein Händedruck war.

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