(353) Nachdem er in mehreren aufeinanderfolgenden Ausgaben der Sunday Post die Weinerlichkeit der zeitgenössischen Kunst angeklagt hatte…

von Alain Fux

Nachdem er in mehreren aufeinanderfolgenden Ausgaben der Sunday Post die Weinerlichkeit der zeitgenössischen Kunst angeklagt hatte, veröffentlichte der Kunstkritiker Kenneth Marrs in der Ausgabe vom 21. Oktober eine Streitschrift mit dem Titel „Mehr Muskeln für die Kunst“. „Es ist das Privileg der Kunst, Positionen zu beziehen, die anders sind, als die vorherrschenden Strömungen in der Gesellschaft. Künstler mögen dabei ihre ganz persönlichen Ansichten vertreten, ohne irgendwelche Zwänge oder Zensuren. Allerdings ist es auch die Pflicht des Publikums, die Gesellschaft vor einem Überhandnehmen von zersetzenden Ansichten zu schützen.“ So die Ausgangsthese von Marrs. Er fuhr fort, in dem er sagte, dass er sich bewusst sei, dass man ihn mit diesen Aussagen schnell in die extremistische Ecke stecken würde, gab aber zu bedenken: „Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, und das ist auch gut so. Es gibt Wirtschaftslenker, die mit ihren unermüdlichen Ideen die Grundlage der Gesellschaft und deren Wohlstand immer wieder erneuern. Dynamik wird als eine positive Kraft gesehen, die erneuert und aufbaut. Nur in der Kunst gilt eine virile Entwicklung von Idealen als eine ideologisch verwerfliche Position. Bewundert werden die Künstler, die mit ihren Schwächen hausieren gehen. Diese Diskrepanz zwischen unserem wirtschaftlichen und unserem künstlerischen Dasein führt zu unüberbrückbaren Spannungen, die eben nicht zu einer Verbesserung des Diskurses führen, sondern zu der Glorifizierung von Schwächlingen. Wir brauchen nicht den Mahner in Sack und Asche, der immer nur zeigt, in welchen Sackgassen wir uns gerade befinden. Wir brauchen den starken Künstler, der mit wehender Fahne und stolz geschwellter Brust vorne steht und der Gesellschaft den Weg weist. Wir brauchen Mut, damit es vorangeht. Wir brauchen letztendlich mehr Muskeln in der Kunst.“

Dieser Artikel von Kenneth Marrs löste einen Sturm in den Feuilletons anderer Blätter aus. Man warf ihm vor, sich die Ansichten und das Vokabular der Nazis zu eigen zu machen. Eine Karikatur zeigte den Quadratschädel von Marrs auf einem idealisierten muskulösen Männerkörper, der einer Skulptur von Arno Breker nachempfunden war. Der Karikaturist hatte allerdings die Unterschenkel durch dünne Holzlatten ersetzt. Darunter Marrs‘ Aufruf in Fett: „Mehr Muskeln“. In Fernsehtalkshows wurde er verhöhnt und immer wieder kam das Thema auf Arno Breker, weil es das Naheliegendste war. Marrs wurde zu seinen Ansichten zu Breker gefragt und er sagte, dass man Breker bewundern könne, ohne ein Nazi zu sein. Andere Diskussionsteilnehmer stellten das infrage und die Talk-Runde endete in der verbalen Diarrhöe. Falsche Freunde von Marrs versorgten in den nächsten Tagen gegnerische Journalisten mit Privatfotos eines Picknicks, auf denen Marrs mit nacktem Oberkörper zu sehen war. Seine spindeldürren Arme und seine Hühnerbrust sorgten nach der Publikation für weiteren Spott. Während Wochen noch wurde in den Feuilletons über Muskel-Marrs gelästert.

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