(352) Kai, ich möchte dir Kenneth Marrs vorstellen.

von Alain Fux

„Kai, ich möchte dir Kenneth Marrs vorstellen. Kenneth schreibt für das Feuilleton der Sunday Post.“ Elizabeth McGraw positionierte Kai Wunderlich vor den Kunstkritiker und enteilte wieder zu den anderen Vernissagegästen. Als Kai ihr sein neues Portfolio vorlegte, hatte ihn die Galeristin vom Fleck weg gesigned. Als Titel für die erste Ausstellung hatte sie ‚Muster der Einsamkeit‘ gewählt.

„Gratulation, Kai“, sagte Kenneth mit monotoner Stimme. Er hatte einen sehr markanten Schädel und eine Kinnpartie, bei der man annehmen musste, dass er zum Frühstück Stahlstäbe zermalmte. „Danke!“ Kai hatte ein rotes Gesicht, von der Aufregung, dem Wein, den vielen Menschen… „Erzählen Sie mir etwas, das nicht im Flyer steht“, Marrs trank von seinem Weißwein und beobachtete Kai über den Glasrand. Kai dachte nach. Den Text für die Ausstellungsunterlagen hatte Elizabeth geschrieben. Sie stellte ihn als einen tiefgründigen Philosophen dar, der mit seinen europäischen Wurzeln den Sinn von menschlichen Beziehungen hinterfragte und Muster aufdeckte, die in allen Beziehungen herrschten. Es war gut geschrieben und klang auch plausibel. Eigentlich sollte Kai von diesem Kurs nicht abweichen, so war es verabredet. Andererseits wäre es auch ein Zeichen von Dummheit, Marrs mit den gleichen Sprüchen zu antworten. „Ich will in den Bildern, meine Gefühle zeigen. Ich möchte, dass der Betrachter das erlebt, was ich gespürt habe, als die Bilder entstanden sind.“ – „Interessant“, sagte Marrs ungerührt. „Aber das ist ja wohl der Grund für jede Art von Kunst, nicht wahr. Angefangen bei Höhlenmalereien, auf denen Mammuts erlegt wurden. Aber keine Panik, wenn Sie es in Worten ausdrücken könnten, würden Sie ja keine Bilder malen, nicht wahr? Dafür sind wir Schreiberlinge ja da.“ Marrs zwinkerte ihm zu. Elizabeth stand weit weg und kümmerte sich um einen Sammler, der sich auf den silbernen Knauf seines Spazierstocks stützte und das Bild von Cliff und seinem Vater anschaute. „Die klaustrophobischen Tapetenbilder haben mir Angst gemacht“, fuhr Marrs fort. „Wenn es die anderen Aufnahmen mit Menschen nicht gäbe, ich würde mir ernsthaft Sorgen um Sie machen. Wo haben Sie diese unglaubliche Tapete gefunden?“ Kai war erleichtert, dass Marrs ihm konkrete Fragen stellte. Wenigstens dabei brauchte er sich nicht zu verstellen. „In einer kleinen Pension in Newport, Rhode Island. Kurz nachdem mir Andy Warhol im Traum erschienen war.“ Als Marrs darauf mit „Interessant“ antwortete, wurde Kai bewusst, dass er Warhol nicht hätte erwähnen dürfen. Das hatte Elizabeth ihm auch eigens eingetrichtert. Warhol durfte nicht erwähnt werden. Marrs schien über den Fauxpas amüsiert. „Das scheint vielen Künstlern so zu gehen in letzter Zeit. Warhol als Legitimationsmaschine für Schrott. Nicht Ihren Schrott im speziellen, verstehen Sie mich nicht falsch. Schrott halt. Erst gestern musste ich eine ganze Ausstellung ansehen, bei der die Concorde als Siebdruck in vielen Farbvariationen auf Leinwand gebannt war. Futter für Zahnarztwartezimmer, wie das meiste von Warhol selbst. Aber das können Sie alles am Sonntag nachlesen.“

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