(351) Kai wachte auf. Da musste ein Geräusch gewesen sein…

von Alain Fux

Kai wachte auf. Da musste ein Geräusch gewesen sein… Normalerweise war die Pension, in der er wohnte, zwar schäbig, aber ruhig in der Nacht. Dann spürte er, dass etwas oder jemand auf seinem Bett saß! Er tastete panisch nach dem Lichtschalter und fand ihn schließlich. Die plötzliche Helligkeit ließ ihn blinzeln. Dann erkannte er, dass Andy Warhol bei ihm auf dem Bett saß. Er hatte eine Sonnenbrille auf und trug eine silberfarbene Perücke.

„Mr Warhol… ich dachte, Sie seien tot“, war das Erste, was Kai sich sagen hörte. „Äh… ich glaube ja.“ Etwas wie ein leichtes Lächeln umspielte Warhols Lippen, aber es konnte genauso gut ein Lichteffekt sein. „Wie kommen Sie hierher?“ – „Äh… darüber habe ich noch nicht nachgedacht.“ – „Wollen Sie mir etwas sagen? Ist das der Grund, warum Sie hier sind? Einen Ratschlag geben, als Künstler?“ – „Äh… Nein.“ – „Glauben Sie, dass ich es lassen und nach Deutschland zurückkehren sollte?“ Warhol schien die Frage zu überlegen. Seine Lippen bewegten sich, aber er sagte zuerst nichts. Dann kam es stockend: „Ob Sie es lassen und nach Deutschland zurückkehren…“ – „Ja? Soll ich? Was meinen Sie?“ – „Äh… ich glaube… Sag mir doch einfach, was ich sagen soll.“ – „Sie glauben, dass ich kämpfen soll? Um es in New York zu schaffen?“ – „Was?“

Kai fragte sich, ob Warhol ihn auf den Arm nahm. Er konnte wegen der Sonnenbrille nicht erkennen, ob Warhol ihn überhaupt ansah, während sie redeten. Er unternahm einen letzten Vorstoß. „Lohnt es sich, Kunst zu machen?“ – „Äh ja, das ist eine super Idee. Glaube ich. Irgendwie. Warum nicht?“

Kai hatte unterdessen heimlich nach seiner Kamera gegriffen und sie unter die Bettdecke gezogen. Während er weiter mit Warhol redete, entfernte er die Objektivkappe und schaltete die Kamera ein. Dann zog er sie blitzschnell hervor, richtete sie auf Warhol und drückte ab. Der Blitz überstrahlte alles im Zimmer und als Kai wieder sehen konnte, war Warhol weg. Schnell drückte er auf die Play-back-Taste der Kamera. Das letzte Bild zeigte nur eine Großaufnahme der Tapete hinter Warhol. Dabei hatte alles so echt ausgesehen. Er legte enttäuscht die Kamera beiseite, löschte das Licht und versuchte, wieder einzuschlafen.

Am nächsten Morgen schaute er sich das Foto noch einmal an und fand, dass es sehr interessant aussah. Er untersuchte die Tapete in seinem Zimmer. Sie hatte ein organisch anmutendes Muster, die man immer wieder anders interpretieren konnte, je länger man darauf starrte. Kai suchte sich weitere interessante Stellen auf der Tapete aus und machte Bilder davon in Großaufnahme. Vielleicht hatte der Besuch von Warhols Geist doch etwas bewirkt.

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