(350) Wenn Kai Wunderlich es in New York schaffte, dann würde ihm die Welt offen stehen.

von Alain Fux

Wenn Kai Wunderlich es in New York schaffte, dann würde ihm die Welt offen stehen. Das hatte der Professor an der Kunsthochschule mal gesagt. Der Professor war aus seiner persönlichen Mittelmäßigkeit nie herausgekommen und war immer noch froh, wenn irgendein Sparkassenverband ihn buchte, um eine triste Schalterhalle aufzuwerten. Kai Wunderlich hatte andere Ambitionen. Er wollte es wirklich in New York schaffen. Nach dem Studium hatte er sich bei Verwandten Geld geliehen und war nach New York geflogen. Einen Monat lang pilgerte er mit seinen mitgebrachten Fotoarbeiten von einer Galerie zur nächsten. Er hatte bei den wichtigsten angefangen, aber erst als er bei Nummer 37 seiner Prioritätenliste angelangt war, wollte überhaupt jemand sich mal Teile seines Portfolios ansehen. Trotzdem war niemand an den Arbeiten oder an ihm interessiert. Ein paar Mal gab es eindeutig zweideutige Annäherungsversuche, aber Kai wollte seine Kunst und nicht seinen Körper verkaufen. Wenigstens bekam er Gründe für die Absagen genannt. Seine Arbeiten seien in den USA unverkäuflich; sie seien nicht frisch; man habe alles schon mehrmals vorher gesehen, und zwar besser.

Kai machte Kassensturz und gab sich drei Monate Zeit, es zu schaffen oder wieder nach Deutschland zurückzukehren und sich und der Welt einzugestehen, dass er versagt hatte.

Er musste sich in der Zeit praktisch neu erfinden. Deshalb wollte er aus New York heraus, um sich nicht unbewusst den dort vorherrschenden Ideen anzuschließen. Er fuhr mit der Bahn die Ostküste hinauf und landete in Newport, Rhode Island. Der etwas morbide Glanz der goldenen Zeit, berührte ihn. Er fühlte sich gehetzt und einsam. Es kam ihm die Idee, diesen Zustand in einer Reihe von Selbstporträts zu dokumentieren.

Für ein Bild hatte er die Idee, sich ins Meer zu stellen, zuerst bis zum Nabel einzutauchen und sich dann mit Selbstauslöser so zu fotografieren, dass die Wasserlinie auf dem Hemd mit dem Horizont auf gleicher Ebene lag. Mit dem hellblauen Hemd wollte er sich oben mit dem Himmel verbinden und unten, durch das nasse Dunkelblau des Hemdes, mit dem Meer. Eigentlich eine Selbstmörderpose, und genau das hatte er auch im Sinn.

Es muss sehr authentisch ausgesehen haben, denn es kam sogar ein Typ angelaufen, der ihn retten wollte. Als das Missverständnis aufgeklärt war, mussten beide lachen. Der Typ, er stellte sich als Cliff vor, war mit einem alten behinderten Mann unterwegs, vielleicht war es sein Vater. Kai machte ein paar Fotos von den beiden, wie sie auf der Bank saßen und wie Cliff den Mann ins Auto trug. Zuvor hatte Cliff aber noch den Auslöser gedrückt, bei den Fotos von Kai im Meer. Es war recht schwierig, den Horizont mit der Wasserlinie im Hemd auszurichten, wenn man immer hin und hergehen musste, um es anzupassen. Außerdem war das Meer ziemlich kalt und die Steine glitschig. Mit Cliff ging es viel einfacher.

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