(349) Früher kam ich oft nach Newport zum Segeln.

von Alain Fux

„Früher kam ich oft nach Newport zum Segeln.“ Cliff fuhr Eugene mit sehr langsamer Geschwindigkeit durch den Ort, damit der alte Mann seine Erinnerungen auffrischen konnte. „Ich war ein sehr guter Segler. Crazy Gene, nannte man mich, weil ich oft Manöver machte, die für andere zu waghalsig waren. Aber es war alles kalkuliert. Na ja, alles kann man nicht kalkulieren. Aber was soll’s. Da, das da ist Gooseberry Beach. Hier kam ich oft zum Schwimmen, damals. Newport war so etwas wie meine zweite Heimat. Sehen Sie, da rechts. Unglaubliche Sicht aufs Meer, herrschaftliche Häuser. Auf der anderen Seite gibt es die richtig großen Residenzen. Die Vanderbilts haben da unglaubliche Dinger hingesetzt. Ich war in solchen Häusern auch eingeladen damals. Nicht nur zu den großen Empfängen, auch privat. Mal zu einer kleineren Geburtstagsfeier oder so was. Aber das war dann auch schon eine Riesensache. Es gibt einen Spazierweg, der zwischen dem Meer und diesen Villen entlang geht. Lustig, der heißt Cliff Walk, genau wie Sie. Der Spazierweg ist ganz toll, vielleicht können Sie mich da entlang schieben und ich kann Ihnen zeigen, was es da so gibt. Sie müssen da vorne rechts, dann links. Und noch mal rechts. Tolle Häuser sind das. Da ganz hinten, da wo die Straße am Meer endet, da geht der Weg los. Oh, das geht ja nicht.“ Mit dem Blick folgte Cliff dem Schild ‚Cliff Walk‘ und sah, dass der Weg über kleinere Felsbrocken führte und damit für einen Rollstuhl unpassierbar war. „Soll ich Sie tragen?“, fragte Cliff. „Das würden Sie tun? Nein, das geht nicht. Ich bin viel zu schwer und es ist auch gefährlich. Wenn wir ins Rutschen kommen, da wären wir beide tot. Aber setzen Sie mich auf die Bank da vorne. Ich würde gerne aufs Meer hinausschauen.“ Cliff wendete den Wagen und setzte ihn, soweit es ging, zurück vor die Bank. Dann hob er Eugene aus dem Wagen und setzte ihn auf die Bank. Er gab ihm eine Decke für die Beine. „Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir. Sie können auch gerne rauchen, wenn Sie den Rauch nicht in meine Richtung blasen.“

Der Himmel über dem Meer war bewölkt und hatte seine schmutzigblaue Färbung nur durch den Widerschein des Meers. Rechts von der Straße stand ein riesiges schiefergedecktes Haus, das aber unbewohnt schien. Eugene wusste nicht, wer darin wohnte. „Es hat sich so viel geändert seit meiner Zeit. Nur das Meer sieht immer noch genauso aus. Ach könnte ich noch einmal segeln. Ich würde hinausfahren und nie wieder an Land gehen.“ Es klang bitter. Sie starrten beide auf das Meer hinaus. Cliff hatte eine Zigarette angezündet und hielt sie so, dass der Rauch Eugene nicht erreichte.

Plötzlich schreckte Eugene hoch. „Schauen Sie mal, da hinter den Felsen im Meer. Ich beobachte den jungen Mann schon die ganze Zeit. Erst schaute er aufs Meer. Jetzt scheint er hinein zu gehen. Mit Kleidern. Ich glaube, der will sich umbringen… Wir müssen etwas machen. Rennen Sie hin!“ Cliff sah den jungen Mann jetzt auch. Er trug eine braune Cordhose und ein hellblaues Hemd. Er stand schon bis zu den Knien im Wasser und schien nach einem Halt zu suchen, um weiter hinein zu gehen. Cliff sprang auf, warf die Zigarette weg und lief die schmale Felszunge zum Meer hinunter in Richtung des Selbstmörders.

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