(335) Wie oft hatte Hein Dengler schon nach einer Vereinfachung des ganzen Papierkrams gefragt?

von Alain Fux

Wie oft hatte Hein Dengler schon nach einer Vereinfachung des ganzen Papierkrams gefragt? Er konnte sich nicht mehr erinnern. Aber immer noch waren die Regeln so starr wie eh und je, wenn es darum ging eine Seele einzuloggen. Einzuloggen hieß in seinem Fachjargon, sie für die Reise ins Jenseits einzuchecken. Anderswo gab es Online-Check in, er musste persönlich da sein und natürlich hatten viele dann erst einmal die Idee auszubüxen. Bei den meisten hatte er die Situation unter Kontrolle, aber bei Jerry Lüders hatte er vergessen, die Tür des Schuppens zu verschließen. Natürlich hatte er schon nach einer automatischen Verriegelung gefragt. Oder wenigstens ein Schnappschloss, dass nur von einer Seite zu öffnen war… Lüders hätte sich gar nicht so sehr beeilen müssen. Ab dem Moment, in dem er über die Schwelle des Schuppens nach draußen flüchtete, musste Dengler so viele Formulare ausfüllen, dass Lüders auch auf einer Schildkröte hätte davonreiten können. Natürlich gab es auch keinen Greiftrupp, den Dengler losschicken konnte, um Lüders einzufangen. Er musste es selbst tun. Sehr mühsam.

Die Spur von Lüders führte nach Wien. Dengler fand es ausgesprochen witzig, dass ein Todesgeweihter ausgerechnet nach Wien floh. Von dort aus ging es weiter nach Triest. Dengler war Lüders zwar gut auf der Spur, aber immer ein bisschen zu langsam wegen der täglichen Berichte. Für einen Tag Reisezeit benötigte er mit Berichterstattung und Antwortquittierung einen weiteren Tag; und das auch nur, wenn es bei der Rückmeldung nicht zu Stockungen kam.

Von Triest ging es weiter nach Rimini. Dengler quartierte sich im Derby Hotel in der Viale Regina Elena ein. Er hatte das Gefühl, dass Lüders immer noch dort weilte und sich an den Strand von Rimini gelegt hatte. Allerdings gab es in Rimini 15 Kilometer Sandstrand und 1000 Hotels. Dengler machte sich an die Arbeit. Um in seiner schwarzen Kluft nicht zu sehr aufzufallen, kaufte er sich eine blaue Badehose und schritt, nur damit bekleidet, die Reihe der Liegestühle und Sonnenschirme ab. Als er an einem Strandkiosk Pause machte und ein Eis aß, kam eine junge Frau auf ihn zu und sagte ihm, es wäre bei seiner Haut besser, wenn er Sonnenschutz drauf hätte. Da Dengler so etwas nicht kannte, bot sie ihm an, die Creme für ihn aufzutragen. Er willigte ein und sie tat es. Dann meinte sie, dass er einen sehr stark behaarten Rücken habe und dass das gar nicht mehr modern sei. Sie bot ihm an, den Rücken zu rasieren. Dengler zögerte erst, willigte dann aber ein, denn in der Tat fiel er mit seiner silberfarbenen Wolle auf Brust und Rücken sehr stark auf. Als sie mit dem Rücken fertig war, bat er auch um Haarentfernung an der Brust. Dann cremte sie ihn wieder ein.

Dengler fühlte sich nach der Epilierung wie neugeboren. Er spürte seinen Körper und er merkte wie auch andere Leute am Strand, insbesondere Frauen, ihn anschauten. Er fand auch, dass er im Vergleich zu anderen Männern, sehr schön ausgeprägte Muskeln hatte und keinen Bierbauch vor sich her trug. Dengler nahm sich vor, diese Neugeburt am Abend zu feiern.

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