(334) In der Mitte der Hütte stand ein Tisch und dahinter saß ein bleicher stattlicher Mann.

von Alain Fux

In der Mitte der Hütte stand ein Tisch und dahinter saß ein bleicher stattlicher Mann. Er trug einen breitkrempigen Hut und wegen der Deckenlampe direkt über ihm, lag sein Gesicht im Schatten. Vor dem Tisch stand ein zweiter Stuhl. Der Mann zeigte darauf und sagte: „Nehmen Sie Platz, Herr Lüders. Ich habe auf Sie gewartet.“ Als Lüders zögerte, wiederholte der Mann seine Handbewegung. Lüders trat ein, die Tür fiel hinter ihm zu und er setzte sich zu dem Mann. Er schwitzte. Tropfen flossen an seinen Augenbrauen zur Seite und liefen die Wangen herunter. „Wer sind Sie?“, fragte er, etwas atemlos.

Der Mann seufzte. „Herr Lüders, Richard Feynman, ein guter Freund von mir, sagte einmal, dass er früh den Unterschied gelernt hatte zwischen etwas wissen und den Namen von etwas wissen… Gut, Sie brauchen einen Namen. Nennen Sie mich Hein Dengler, wenn Sie möchten.“ – „Was machen Sie hier, Herr Dengler?“ Der Mann seufzte wieder. „Etwas begriffsstutzig sind Sie schon, oder? Und ich dachte immer, Laufen wäre gut für die Hirndurchblutung. Wieder ein zerstörter Mythos.“ Lüders war verwirrt und man sah es ihm an. „Also gut, Herr Lüders, für Sie noch einmal Klartext: Mein Name ist Hein Dengler, ich arbeite als Tod und bin hier, um Sie ins Jenseits zu überführen.“ Lüders brauchte einen Moment und fragte dann: „Warum?“ – „Weil! Sie haben gerade einen Herzinfarkt, einen Hirnschlag, wurden von einer Kugel getroffen oder ein Auto hat Sie an einem Baum platt gemacht. Egal. Sie kommen mit.“ Lüders wurde trotzig. Er stand auf und stellte sich hinter die Stuhllehne, die er mit beiden Händen umfasste. „Nein, ich will nicht.“ – „Immer das gleiche. Wie Kinder, die nicht ins Bett gehen wollen. Kommen Sie mit, vielleicht gefällt es Ihnen sogar. Aus den Unterlagen sehe ich, dass man Ihnen einen besonders guten Platz reserviert hat. Gleich gibt’s Abendbrot und da will man nicht zu spät sein.“ Lüders suchte einen Ausweg. „Gibt es etwas, das Ihnen Spaß macht, aber das Sie sich selbst nicht leisten können?“ Dengler war verblüfft. „Sie wollen mich doch nicht etwa bestechen, Herr Lüders? Wahrscheinlich wollen Sie gleich auch noch Schere Stein Papier spielen? So geht das aber nicht. Heute könnte ich Ihnen nicht einmal eine Stunde mehr geben, es ist im ganzen Prozess nicht vorgesehen. Sie müssen mitkommen.“
Lüders tat so, als ob er mit hängenden Schultern nachdachte. Dann aber drehte er sich blitzartig um, sprang zur Tür, riss sie auf und rannte raus. Er glaubte nicht wirklich, dass er schneller laufen konnte als der Tod, aber er wollte es versuchen. Er lief so schnell er konnte, bis vor sein Haus. Er schaute sich um, niemand war hinter ihm her. Vielleicht hatte der Tod nur in seiner Behausung die Autorität. Warum sonst hätte er den Schuppen gebraucht. Lüders rannte nach oben, packte schnell das Notwendigste in seinen großen Tourenrucksack. Dann lief er aus dem Haus. Er wollte nicht sterben. Er hatte nicht jahrzehntelang an seinem Körper und seiner Gesundheit gefeilt, um auf dem Höhepunkt seines Lebens in einem Schuppen den Löffel abzugeben. Wenn der Tod ihn holen wollte, dann sollte er verdammt noch einmal gute Laufschuhe anziehen.

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