(333) Jerry Lüders fand Gefallen an Teenage Massacre, dem neuen Videospiel, das er sich im Internet gekauft hatte.

von Alain Fux

Jerry Lüders fand Gefallen an Teenage Massacre, dem neuen Videospiel, das er sich im Internet gekauft hatte. Mit seinen 65 Jahren lag er voll in der Zielgruppe. Es war schön, dass die Spieleentwickler diesen neuen Markt entdeckten. Bei dem Spiel ging es darum, spätabends durch die Stadt zu gehen und marodierende Jugendliche abzuknallen. Lüders hatte jetzt zwei Stunden am Stück gespielt und fühlte sich großartig. In der Zeit hatte er bestimmt weit über hundert Halbstarke mit Revolver, Uzi, Axt und Kettensäge abgeschlachtet. Er war zwar erschöpft, aber glücklich. Es war eine gute Schulung, damit seine Reflexe auch im richtigen Leben schnell blieben.

Er beschloss, noch eine Runde laufen zu gehen. Er hatte zwar keinen Wettbewerb mehr geplant für dieses Jahr, aber er musste einfach ständig in Bewegung bleiben. Früher, da konnte er auch mal für ein paar Wochen das Training schleifen lassen. Heutzutage würde ihn das um Monate zurückwerfen.

Draußen wurde es schon dunkel, als Lüders in Laufkleidung vor das Haus trat. Er drückte auf den Startknopf seiner Pulsuhr und lief los. Es gab mehrere Stammstrecken, die er abhängig von Wetter, Laune und Kondition abwechselte. Diesmal folgte er dem Gemeindebach, am Friedhof vorbei, hinaus auf die Felder vor der Stadt. Der Wind rauschte im Schilfröhricht und es fühlte sich gut an, wieder in Bewegung zu sein. Als er an einem verlassenen Steinbruch vorbeikam, bemerkte er eine hellgelb gestrichene Holzhütte, die am Eingang stand. Eigentlich sah sie mehr aus wie ein Schuppen. Er hatte diese Hütte noch nie gesehen. Während er weiterlief, fragte er sich, was der Grund für die Hütte sei. Ob man plante, den Steinbruch wieder in Betrieb zu nehmen? Nein, das war ausgeschlossen. Wollte man dort Wohnhäuser bauen und es war eine Bauhütte? Er hatte nichts davon gehört.

Dann kam er durch den dunklen Tannenwald. Den Wind hörte er nur noch in den Wipfeln, sonst war es still. Er hörte ein Geräusch, wie von einem Zippo-Feuerzeug. Oder einer Waffe, dachte er. Unsinn. Dann glaubte er, eine Bewegung im Dunkel zu erkennen. Er sagte sich, dass das von dem Videospiel kam. Unbewusst lief er schneller. Als er den Wendepunkt erreichte, lief er nicht wie sonst den gleichen Weg zurück, sondern umrundete das Waldstück auf einem geschotterten Feldweg.

Dadurch kam er auch wieder zum Steinbruch und er musste ihn durchqueren, um nach Hause zu laufen. Dadurch lief er direkt auf die Hütte zu, die er vorhin entdeckt hatte. Er meinte, Licht zu sehen, das von unten durch die Türritze drang. Vor der Hütte bremste er ab. Sein Herz schlug etwas schneller als sonst, nach einem solchen leichten Lauftraining. Er war nicht richtig in Form. Unschlüssig stand er vor der Hütte. Dann trat er auf die Rampe, die zur Tür führte. Sie ächzte leise unter seinem Gewicht. Er drückte die Klinke nieder und die Tür öffnete sich.

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