(330) Vor Gregor Hirsch stand eine Namenstafel und darauf stand ‚Gregor Hirsch, Musicmanager‘.

von Alain Fux

Vor Gregor Hirsch stand eine Namenstafel und darauf stand ‚Gregor Hirsch, Musicmanager‘. Das ‚C‘ war ihm wichtig gewesen, denn er wollte Spaß haben und Musik mit C klang spaßiger als mit K. Er war jetzt 41 Jahre alt und hatte die letzten 17 davon in der Marketingabteilung eines Unternehmens der Tiefkühlbranche gearbeitet. Dann starb ein Onkel, Gregor erbte und freute sich, dass das hinterlassene Vermögen so beachtlich war, dass er kündigen konnte. Endlich konnte er sich der Musik widmen, seiner wahren Bestimmung. Er wollte das geerbte Geld in Projekte investieren, die etwas mit Musik zu tun hatten. Er hatte eine Anzeige aufgegeben ‚Finanzinvestor sucht Musikprojekte‘ und hatte so viel Post erhalten, dass er eine Sonderzustellung mit Auto bekam. Zuerst hatte er alles sichten und dann auswählen wollen, was in Frage kam. Da die Flut von Zuschriften aber nicht abriss, änderte er sein Vorgehen und schaute sich Projekte nach und nach an, so wie er sie in den Zuschriften fand und für interessant befand. Einige Antragsteller lud er gleich zum Gespräch in sein neues Home Office ein. So auch Jonas Binder. Was Hirsch bei Binder gefallen hatte, war dass sie beide ungefähr gleichalt war und Binder ebenfalls schon jahrelang nach seiner Chance suchte. Jetzt saßen sie bei Hirsch zusammen und tranken Kaffee, den Hirsch den beiden aus dem neuen Kaffeeautomaten geholt hatte. Binder saß vor ihm in der neuen Ledercouch und Hirsch saß ihm gegenüber in einem tiefen, neuen Ledersessel. Hirsch fand es toll, dass er jetzt zu geschäftlichen Treffen in T-Shirt und Jeans erscheinen konnte und sich nicht einmal zu rasieren brauchte.

Jonas Binder hatte ein Musical geschrieben über das Leben von Kim Jong-il.

„Juri Irsenowitsch Kim, hauptsächlich bekannt unter dem Namen Kim Jong-il, hatte ein Leben, das mehrere Musicals füllen könnte. Wir können uns die besten Stories heraussuchen. Man braucht nichts zu erfinden, es ist alles da“, erklärte Binder. „Geben Sie mir Beispiele“, sagte Hirsch. „Ich weiß nicht, wo ich beginnen soll, aber hier sind ein paar Szenen, die mir spontan einfallen: Seine Geburt, die von einer Schwalbe und einem doppelten Regenbogen vorhergesagt wurde; sein Bruder, den Kim im Alter von 5 Jahren im Swimmingpool des Elternhauses ermordet haben soll; der lange, aber unaufhaltsame Aufstieg durch Partei- und Staatsämter; seine schwierige Beziehung zu Kim Il-sung, seinem Vater, den er in einem bombastischen Personenkult ehren ließ; die Legenden, die sich um ihn rankten: dass er mit seiner Laune das Wetter beeinflussen konnte, dass er durch Raum und Zeit reiste usw. Ich habe die Geschichte von seiner Geburt bis zum Staatsbegräbnis kadenziert und auch schon Liedtexte geschrieben. Sogar einen hervorragenden Sänger habe ich als Darsteller gefunden. Im Austausch mit einem langfristigen Vertrag ist er bereit, sich unters Messer zu legen und operativ an Kim angleichen zu lassen.“

„Gab es nicht schon einmal ein Musical über Kim Jong-il?“, fragte Hirsch am Ende von Binders Vortrag. „Nicht als solches“, antwortete Binder. „Es gab einen Hinweis darauf in einer Folge der Simpsons, aber ich habe mir dabei nur die Inspiration geholt. Die Geschichte stammt von mir.“

Gregor Hirsch hatte aber ein Problem damit, ein Musical zu finanzieren, das in irgendeiner Form schon da gewesen war. Am nächsten Tag schrieb er Binder einen Brief, in dem er ihm mitteilte, dass er an dem Projekt doch nicht interessiert sei.

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