(329) Kim Jong-ils größte Entdeckung war es, dass er Sandra mit einem in ihre Ohren gehauchten Satz auf Koreanisch willenlos machen konnte.

von Alain Fux

Kim Jong-ils größte Entdeckung war es, dass er Sandra mit einem in ihre Ohren gehauchten Satz auf Koreanisch willenlos machen konnte. Sie seufzte dann nur leise und schmiegte sich an seine knisternde Vinalon-Kombi. Er probierte es mit vielen unterschiedlichen Sätzen, aber es gab nur einen, der bei ihr die Duldungsstarre auslöste. Der Satz lautete „Nae hoebuhkeurapeuteuneun changuhro kadeuk cha isseyo“. Sandra verstand kein Koreanisch und wusste nicht, was der Satz bedeutete („Mein Luftkissenfahrzeug ist voller Aale“). Es war nur die Sprachmelodie, die sie im Innersten traf.

Als Kim Jong-il dies entdeckte hatte, ging er während vieler Zyklen ganz einfach vor. Er besorgte sich um 6 Uhr den Generalschlüssel beim schlafenden Nachtportier und schlich sich um 6:10 Uhr in Sandras Zimmer. Zu dem Zeitpunkt hatte sie eine REM-Phase und lag völlig entspannt auf dem Rücken. Er flüsterte ihr den Satz ins rechte Ohr. Sie seufzte, schmiegte sich an ihn und wurde wach, blieb aber immer noch so entspannt wie in der REM-Phase. Das eröffnete dem Generalissimus alle Freiheit der Welt. Er besorgte sich um 5:30 Uhr in einer Buchhandlung im Frankfurter Hauptbahnhof ein Buch mit dem Titel „Die 101 schärfsten Stellungen“ und beschloss, das ganze Buch systematisch durchzuarbeiten. Praktischerweise gab es auf den Seiten 227-233 eine Checkliste, bei der er ankreuzen konnte, was er gerade erledigt hatte. Das Kreuz war natürlich am nächsten Tag wieder weg, aber er konnte sich visuell besser erinnern, wo er gerade war. Einige Stellungen gefielen ihm sehr gut, wie zum Beispiel Schwein in einer Decke oder Kauernder Tiger, verborgene Leidenschaft. Die stehenden Positionen, wie die Begegnung mit der Kuh oder Der aufrechte Staubsauger, mochte er nicht, weil sie sehr anstrengend waren und Sandra ungefähr so groß war wie er. Aber der Generalissimus hatte sich immer in seinem Leben durch seine Selbstdisziplin ausgezeichnet und daher führte er auch diese Positionen bis zum Orgasmus durch.

Als Kim Jong-il alle Positionen abgehakt hatte, ging er nicht mehr zu Sandra zurück. Er fühlte eine Leere in sich und fragte, wie es weitergehen würde. Dass es weiterging, daran bestand keine Frage mehr. Es würde bis in alle Ewigkeit einen Morgen geben, der immer wiederkehrte. Wenn er wenigstens wieder in Pjöngjang wäre, dann könnte er in seiner Biografie erwähnen lassen, dass es ihm als einzigem Mann gelungen war, alle denkbaren Sexualpositionen (oder zumindest die 101 schärfsten davon) an einem einzigen Tag auszuführen. Er erzählte es probeweise einigen Geschäftsleuten, die sich immer um 22:15 Uhr in Jimmy’s Bar im Hessischen Hof trafen. Aber sie wollten ihm nicht glauben und lachten ihn nur aus. Er probierte, die Geschichte in verschiedenen Varianten zu erzählen, manche durchaus auch selbstironisch, aber es half nichts. Es machte ihn so wütend, dass er an mehreren Abenden in die Bar zurückkehrte, um sie alle, inklusive des überheblichen Barkeepers, zu erschießen. Natürlich wusste er, dass das eine Übersprunghandlung war, aber der Generalissimus war auch nur ein Mensch.

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