(327) Kim Jong-il war in einer Zeitschleife gefangen.

von Alain Fux

Kim Jong-il war in einer Zeitschleife gefangen. Jeden Tag wachte er im gleichen billigen Hotel im Frankfurter Bahnhofsviertel auf und es nahm kein Ende. Eigentlich war er davon ausgegangen, tot zu sein. Vielleicht war er es auch und das Jenseits war nur ein schlechter Scherz, in dem es nicht einmal vernünftigen Kimchi gab.

Am Anfang hatte er überlegt, nach Nordkorea zurückzukehren, um seinen Platz als Geliebter Führer wieder einzunehmen. Aber nicht einmal wenn er seine Flugangst überwinden könnte, würde er es schaffen, am gleichen Tag nach Pjöngjang zu gelangen. Immer wieder wachte er im Hotel auf. Immerhin hatte er es mit dem Zug bis nach Berlin geschafft, um in der nordkoreanischen Botschaft auf sein Recht auf Erlösung zu pochen. Allerdings befand sich genau an diesem sich ewig wiederholenden Tag der Botschafter auf Reisen und alle anderen Mitarbeiter waren bloße Marionetten. Anstatt ihm ihre Aufwartung zu machen, riefen sie die Polizei und mehrmals endete der General in einer Arrestzelle, aus der er sich befreien konnte, indem er am nächsten Morgen wieder im Hotel Admiral aufwachte.

Telefonanrufe an seinen Sohn kamen nie zustande, weil niemand ihm glaubte, wer er sei und es gab leider keine Direktwahl, die er anrufen konnte. Er fühlte sich einsam, aber nie verzweifelt, denn er war der Geliebte Führer, der Generalissimus, der zweifache Held der Demokratischen Volksrepublik Korea und dreifacher Träger des Kim Il-sung-Ordens.

Immerhin hatte er sich mit der Zeit Zerstreuung gesucht. Er hatte das Golfspiel erlernt und er schaffte es mittlerweile spielend, an einem Tag die Platzreife zu erreichen. Allerdings musste er enttäuscht feststellen, dass es ihm nicht gelang, ein Ass zu schlagen. Dann offenbarte es sich ihm, dass er endlich die Zeit hatte, Dinge zu tun, die in seiner Biografie standen, die er aber in Wirklichkeit nie getan hatte. Endlich hatte er Zeit und konnte alle Filme mit Elizabeth Taylor sehen. Er beschloss, eine Autobiografie zu schreiben, und hatte das Buch bereits nach drei Tagen beendet. Da er jeden Tag den Text frisch tippen musste, war das Buch nicht sehr lang. Er lehnte es ab, einen Verleger zu suchen, sondern erwartete, dass man ihm ein Angebot machte. Ein weiteres Buch über Innenarchitektur fing er nicht an, weil er die Demütigung der Verleger nicht ein zweites Mal ertragen konnte. Auch die Idee, eine Oper zu komponieren, legte er beiseite, denn man würde seine Kunst nicht zu schätzen wissen.

Kim Jong-il passte sich nach und nach in sein neues Leben ein. Er konnte akzeptieren, nicht zu wissen, ob er lebte oder tot war. Was er aber nicht ertragen konnte, war die unterschiedliche Größe von Reiskörnern, die ihm zum Essen vorgesetzt wurden. Bis er die größten Abweichungen isoliert hatte, war der essbare Teil des Reises bereits erkaltet.

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