(326) Sandra Schiffner hatte das Gefühl am Tiefpunkt ihres Lebens angelangt zu sein.

von Alain Fux

Sandra Schiffner hatte das Gefühl am Tiefpunkt ihres Lebens angelangt zu sein. Ihr Haus wurde zerstört. Ihre Eltern weigerten sich, sie aufzunehmen. Ihr Ehemann ließ sie im Stich. Sie musste in einem heruntergekommenen Hotel übernachten, in dem sie sogar noch von dem abgehalfterten Nachtportier angebaggert wurde. Es war alles, dass er nicht noch gefragt hatte, ob er ihr beim Ausziehen helfen konnte, dachte sie, als sie ihr Nachthemd anzog. Als sie im Bett lag, fiel ihr ein, dass sie kein Buch mitgenommen hatte. Sie war zu aufgewühlt, um gleich einzuschlafen, also schaltete sie den Fernseher ein. Schließlich blieb sie bei einer Dokumentation über nordkoreanische Propaganda hängen. An einer Stelle wurde ein Videoclip gezeigt, auf dem Kim Jong-il auf einem Pferd ritt. Dazu spielte ein koreanisches Lied, dessen Text als Übersetzung eingeblendet wurde. Im Wesentlichen sagte das Lied, dass große Stürme kamen, wenn General Kim Jong-il laut rief. Der Geliebte Führer saß auf einem Schimmel und trug eine dicke schwarze Sonnenbrille und weiße Handschuhe. Danach folgten Aufnahmen von Massenveranstaltungen in großen Stadien, bei denen das Publikum gemeinsam Bilder und Schriftzeichen durch hochgehaltene Farbpappen darstellte. Durch die hypnotische Wirkung der Bilder wurde Sandra müde. Sie machte den Fernseher und das Licht aus und legte ihren Kopf auf das fremde Kissen. Bald war sie eingeschlafen.

Herbert Martens schaute auf seinen Taschenfernseher, als die automatische Tür aufging. Erst als er die Huftritte hörte, schaute er auf und konnte seinen Augen nicht trauen. Ein Schimmel stand in der Lobby und darauf saß ein kleiner Mann in Uniform mit kurz geschnittenen Haaren und einer Sonnenbrille. Mit einem weißbehandschuhten Zeigefinger deutete er auf Martens. Der Nachtportier war aufgesprungen. Er konnte dem Blick von Kim Jong-il, denn er war es wirklich, nicht lange standhalten, dann brach er weinend zusammen und flehte um sein Leben. Durch einen weiteren Fingerzeig bedeutete der Generalissimus, dass Martens sich durch den Seitenausgang entfernen sollte. Als der Nachtportier weg war, stieg der General mit dem Pferd die Treppe hoch, bis in den dritten Stock. Er fand Zimmer 313 und dann stand er auch schon im Zimmer, hoch zu Ross. Er wies Sandra an, bei ihm aufzusteigen, und sie schmiegte sich an seine starken Schultern.

Der General streichelte kurz ihre Hand mit seinem Baumwollhandschuh und dann wurde es hell im Zimmer. Nicht nur das Fenster fiel aus der Wand, nein, die ganze Fassade des Hotels fiel herunter. Vor Sandras Augen erschien der Himmel, der gerade von der Morgensonne geküsst wurde. Das Pferd tat einen Satz und sprang aus dem Zimmer. Aber es fiel nicht hinunter, sondern glitt sanft durch die Luft. Ganz sachte setzte es auf dem Asphalt auf und galoppierte die Straße entlang in Richtung der aufgehenden Sonne.

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