(324) Achim Schilling wohnte in einem Kaninchenstall.

von Alain Fux

Achim Schilling wohnte in einem Kaninchenstall. In einer von unzählig vielen Wohneinheiten in einem riesigen Gebäude, das den Charme eines Parkhauses besaß. Der Aufzug war kaputt und so mussten René und Sandra ihre Koffer die Treppen hoch bis in den sechsten Stock schleppen. Am Ende des langen dunklen Flures sahen sie Licht aus einer offenen Wohnungstür. Als sie eintraten, kam Achim aus dem Bad. In der Hand hielt er eine Rolle Küchenpapier. „Ich habe noch etwas die Armaturen poliert, damit Ihr euch auch wirklich wohlfühlt.“ Sandra schaute sich die Wohnung an. Von dem kleinen Flur gingen vier Türen ab. Das Wohnzimmer war ein langer Schlauch an dessen Ende ein Schreibtisch stand mit einem riesigen Bildschirm, davor ein Chefsessel auf Rollen. Ein Bücherregal beherbergte hauptsächlich DVDs und Spielhüllen. Ein Sofa gegenüber einem großen Flachbildfernseher. Der Raum war schon lange nicht mehr gelüftet worden. Vorhänge gab es keine und die Fenster blickten auf heruntergelassene Rollläden. Im Schlafzimmer lag ein Berg Wäsche auf dem Bett in Naturkiefer. Vor dem Kleiderschrank ein weiterer Haufen Kleidung, der vor sich hin muffelte. Im Bad roch es nach Schimmel. Im Abfluss der Badewanne lag ein Klumpen Haare und der Duschvorhang, ehemals weiß, hatte gelbliche Verfärbungen. Ein weiteres Schlachtfeld war die Küche. Sie war so klein, dass nur eine Person darin stehen konnte. Im Abfluss stapelte sich das Geschirr und wartete auf eine gnädige Seele. Dann war Sandra wieder im Flur und starrte René mit düsterem Blick an. Ihr Ehemann hatte seinen Mantel ausgezogen und über einen Karton gelegt, in dem früher mal der Flachbildschirmfernseher gewesen war. Achim ging in die Küche und er klapperte in dem schmutzigen Geschirr herum.

„Ich kann hier nicht bleiben“, sagte Sandra. „Wir haben nichts anderes“, antwortete René. „Ich kann trotzdem nicht bleiben, ich kriege hier keine Luft.“ – „Wir werden ein bisschen aufräumen und dann geht das.“ Sandra schüttelte den Kopf. „Wo sollen wir denn schlafen?“ – „Auf dem Sofa. Da hatte ich ja schon mal übernachtet, als es so spät geworden war. Kannst du dich erinnern? Das Sofa ist sehr bequem.“ – „Es geht nicht. Dann such ich mir etwas anderes.“ – „Gehst du zu deinen Eltern?“ – „Vielleicht.“ René überlegte. „Nee, ich bleibe hier.“ Sandra nickte. Sie hatte Tränen in den Augen. „Nicht weinen, Sandra. Das mit dem Haus geht in Ordnung.“ Sandra nahm ihren Koffer und wandte sich zum Gehen. „Dann telefonieren wir morgen?“ Sie nickte wieder und ging zur Tür hinaus. Erst als sie weg war, fiel René ein, dass er ihr den Koffer nach unten hätte tragen können.

„Frauen sind ja unglaublich pingelig“, meinte Achim. „Wenn nicht alles picobello ist, dann motzen sie nur rum.“ Sie bestellten sich eine Pizza. „Bis der Bote damit hier ist, können wir locker einen oder zwei Deathmatches machen. Zum Warm werden. OK?“ – „Gute Idee“, sagte René und nahm seinen Laptop aus der Umhängetasche.

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