(322) „Das Taxi kommt gleich“, sagte René schuldbewusst.

von Alain Fux

„Das Taxi kommt gleich“, sagte René schuldbewusst. Sandra rumorte noch im Schlafzimmer und packte Sachen ein. Alle anderen waren abgezogen. Die ‚Tilt Space Party‘ hatte einen grauenvollen Ablauf genommen. Die Schaumkanonen der Produktionsgesellschaft hatten das ganze Haus mit Schaum gefüllt und durch die Feuchtigkeit hatten sich an vielen Stellen die Tapeten gelöst und die Wandfarbe sah völlig verdreckt aus. Beim angekündigten Spiel mit dem eingeölten Liliputaner, der sich im Schaum versteckte und aalgleich verschwinden konnte, hatte es einen tragischen Unfall gegeben. Achim Schilling, Renés fetter Gamerfreund, wollte sich auf den Kleinwüchsigen werfen, konnte aber nicht sehen, wohin er sprang. Als er aus dem Gleichgewicht kam, hielt er sich am Treppengeländer fest, dessen Halterungen brachen. Das Geländer stürzte auf halber Länge herunter und ausgerechnet auf den Kleinwüchsigen. Im Schaum sah man es nicht sofort und erst, als ein Kamerateam auf ihn trat, bemerkte man, dass etwas schiefgelaufen war. Der Produzent rief einen Krankenwagen. Um Platz für den Krankenwagen zu schaffen, sollte der Regielastwagen, der vor dem Haus hielt, umgeparkt und gewendet werden. Dabei stieß das riesige Fahrzeug gegen einen Pfosten des Carports, das einstürzte und Renés Wagen unter sich begrub. Unglücklicherweise war der Carport auch fest mit dem Hausdach verbunden und so wurde das Haus weit über die Hälfte abgedeckt. Die ganze Zeit über liefen die Kamerateams herum und filmten, was das Zeug hielt. Wenigstens kam die Feuerwehr recht schnell, als es zu regnen begann und konnte das Dach mit Planen abdecken. Der Produzent sagte, dass der Fernsehsender selbstverständlich für alle Schäden aufkommen würde. Er schien nicht einmal traurig zu sein, dass die Produktion der Party so teuer geworden war.

Nachdem Sandra den Schock etwas verwunden hatte, stellte sich die Frage, wo sie wohnen würden, bis die Renovierung abgeschlossen sein würde. Sandra rief ihre Eltern an, die aber keine Möglichkeit sahen. Dann sagte Achim Schilling, dass er ihnen die Hälfte seine Zweizimmer-Wohnung abtreten würde. „Wenn man ein bisschen aufräumt, kann es sehr gemütlich werden“, meinte er. René war gerührt und bedankte sich. „Wir können ja dann auch etwas Counter Strike spielen“, fügte Achim hinzu.

Sandra fand die Idee grauenhaft, wie sie René sagte, als Achim schon vorausgefahren war, um das Gröbste aufzuräumen. „Wohin denn sonst? Achim ist ein Freund, ein Klasse Typ. Den im Team zu haben, ist nie verkehrt.“ Dann verlor Sandra die Nerven. „Das ist hier kein verdammtes Videospiel“, schrie sie. „Das ist die Wirklichkeit, du Kindskopf!“ René hätte ihr gerne mit dem Gamerscherz geantwortet, dass die Realität zwar eine tolle Grafikauflösung habe, die Story aber sehr zu wünschen übrig ließe. Aber das wäre jetzt nicht gut angekommen. So hielt er den Ball flach und bestellte ein Taxi, während sie das Notwendigste zusammensuchte.

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