(320) Was für eine unglaubliche Zicke!

von Alain Fux

„Was für eine unglaubliche Zicke“, sagte Predel. „Vorsicht, Herr Predel, reden Sie nicht so über unser Kreativpersonal.“ Beide Männer lachten gedämpft, als sie den Flur hinuntergingen. „Was steht jetzt an?“, fragte Zobel. „Spacko Party“, sagte Predel. „Der Kontrast schlechthin“, entgegnete Zobel.

Spacko Party war der Arbeitstitel einer neuen Show, die Zobel selbst konzipiert hatte und bei der er großes Potenzial sah. Zwei Pilotfolgen waren bereits produziert worden und bei beiden hatte Zobel noch wesentliche Änderungswünsche gehabt. Jetzt wurde der dritte Pilot produziert und dieser sollte sendefähig sein. Aus naheliegenden Gründen war der Titel mittlerweile geändert worden. Die Produktion hieß jetzt ‚Tilt Space Party‘.

Im Grunde bestand die Idee darin, dass der Sender ausgelosten Zuschauern zu Hause eine Party spendierte und dort filmte. Aber natürlich war Zobels Konzept viel raffinierter. Es sollte unmittelbar die Gaffgier der Zuschauer ansprechen. Die Gastgeber der Party wurden nicht wirklich ausgelost. Unter allen Einsendungen wurde eine sehr genaue Selektion vorgenommen. Die Gastgeber sollten, nach Zobels Vorgaben, hedonistisch, exhibitionistisch und nicht allzu intellektuell orientiert sein sowie einen ausgewiesenen schlechten Geschmack besitzen. Auch der Freundeskreis der Gastgeber wurde untersucht, denn daraus kamen die Protagonisten der Show. Je größer die Übereinstimmung der Freunde mit den oben angeführten Kriterien, desto besser die Chance, ausgewählt zu werden. Es gab eine Abfolge von Telefonaten, Interviews und Hausbesuchen bei den Gastgebern im Vorfeld einer Produktion. Natürlich wurden mit allen Kandidaten Verträge abgeschlossen, zur Wahrung der Urheberrechte und um ihnen den Mund zu verbieten.

Es gab keinen Moderator, denn die Fernsehzuschauer sollten den Eindruck haben, dass die Party von den Gastgebern völlig eigenständig organisiert wurde. In Wirklichkeit war natürlich nichts dem Zufall überlassen. So wurde zum Beispiel der Freundeskreis mit Schauspielern ergänzt, um der Handlung mehr ‚gefühlte Spontanität‘, wie Zobel sagte, zu verleihen. Eine Redaktion überlegte sich Handlungselemente wie ‚Schaumparty im Schlafzimmer‘, ‚Sumoringer-Kostüme zum Aufblasen‘, ‚Mittelaltergelage‘ oder Ähnliches. Was davon umgesetzt wurde, hing von den Räumlichkeiten ab sowie von den geladenen und gecasteten Gästen. Zobel hatte die Produktion zuerst im Studio drehen wollen, dann verwarf er die Idee. Alle Folgen sollten wirklich bei den Gastgebern produziert werden. „Es sieht authentischer aus. Außerdem können wir den Leuten als Trostpflaster nachher eine neue Wohnungseinrichtung für drei Euro achtzig kaufen und die sind dann richtig zufrieden“, hatte Zobel seine Umentscheidung begründet. Nur bei einer Sache war Zobel sich nicht sicher: sollte die Produktion so aussehen, als ob Teilnehmer die Bilder selbst mit ihren Handykameras aufgenommen hatten oder sollte man es darstellen, als ob ein Kamerateam überraschend die Party besuchte. „Ich glaube, wir werden es einmal mit dem Überraschungsbesuch versuchen. Das kann man auch variieren“, sagte Zobel und Predel gab ihm recht.

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