(318) Willst du noch ein Bier, Björn?

von Alain Fux

„Willst du noch ein Bier, Björn?“ Ulrich Mahler hielt seinem Bruder eine Flasche hin. „Danke“, sagte Björn und legte die Grillzange zur Seite, bevor er die Flasche ergriff. Die Hitze des Sommers war jetzt ein wenig abgeklungen, aber man konnte immer noch gut draußen grillen, auch spät am Abend. Ulrich musste sich eingestehen, dass sein älterer Bruder sehr viel besser Grillen konnte als er. Seine Holzfällersteaks waren eine Klasse für sich. Anke brachte eine große Schüssel mit Salat und stellte sie auf den Tisch. „Damit es auch etwas gibt für die, die sich nicht nur von Fleisch ernähren“, sagte sie. „Wo ist Helge?“, fragte Ulrich. Anke seufzte. „Er ist auf seinem Zimmer. Will nicht runterkommen. Kinder sind schon schwierig. Du hast es gut, Björn.“ Björn grunzte zustimmend und nickte. „Er benimmt sich in letzter Zeit recht seltsam“, Ulrich schüttelte den Kopf. „Die Sache mit dem Hüpfball tut mir wirklich leid, Björn. Hatte ich Dir ja schon gesagt. Ich habe ihn noch einmal gefragt, wie das passiert war. Und dann sagte er mir, dass er damit auf einen spitzen Stein gehüpft sei und der Ball sei unter ihm explodiert. Dabei habe ich mir den Rest ja angeschaut. Da war ein Stich drin, wie mit einem Messer. Ganz glatt, nicht wie bei einem Stein. Ich habe dann angeboten, ihn zu flicken, aber das wollte er nicht. Naja, ich habe es trotzdem gemacht, aber er schaut den Ball nicht mehr an.“ Björn nahm jetzt die Steaks vom Feuer und legte sie auf die Teller. Ulrich schlug Ketchup aus der Flasche drauf und nahm sich ein paar Blatt Salat.

„Es ist wahrscheinlich nur eine Phase“, warf Anke ein und nahm ihrerseits so viel Salat, dass sie das kleine Steak damit fast verdeckte. „Dafür wird er jetzt so langsam erwachsen. Sein Zimmer ist in letzter Zeit immer sehr gut aufgeräumt. Wenn ich mal etwas nicht genauso einsortiere, wie es sein soll, dann macht er es selbst und ist dabei ganz vorwurfsvoll. Ich hoffe, er wird später nicht so ein Pingel.“ – „Nee, das glaube ich nicht“, antwortete Ulrich kauend. „Das hat dann auch Grenzen. Ich habe ihn gestern gefragt, ob er mir denn auch mal hilft, den Gartenschuppen aufzuräumen. Jetzt, wo er so ordentlich geworden ist, könnte ich seine Hilfe dabei sehr gut gebrauchen. Aber er hat fast einen Wutanfall bekommen. Wollte nicht helfen und wollte nicht mal sehen, ob es noch Zeug gibt, das er behalten wollte und ich nicht.“

Björn räusperte sich und warf ein: „Ja Kinder, das ist wohl alles etwas schwierig.“ Dann trank er den letzten Schluck aus seiner Flasche. Ulrich warf Anke einen kurzen Blick zu und sagte dann. „Naja, es ist ja nicht alles negativ. Anke und ich wollten in zwei Wochen mal ein Wochenende für uns haben. Wir dachten, du könntest vielleicht herkommen und auf Helge aufpassen. Wir wollten dir jetzt nicht zu viele Horrorstorys von dem Jungen erzählen.“ Björn brauchte nicht lange nachzudenken: „Das geht klar. Macht euch keine Sorgen. Wozu hat man Familie?“

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