(311) Als Danner bei dem Apartmenthaus ankam, in dem Greta wohnte, schaute er sich um.

von Alain Fux

Als Danner bei dem Apartmenthaus ankam, in dem Greta wohnte, schaute er sich um. Er sah niemand, der davor oder auf der anderen Straßenseite herumlungerte. Greta war nervös, weil sie im letzten Jahr ihres Studiums war und intensiv das Examen vorbereitete. Englische Literatur war ihr Thema. Da konnte es schon mal vorkommen, dass man überreagierte, dachte Danner, als er sich an der Sprechanlage identifiziert hatte und der Summer ertönte. Oben musste er noch einmal läuten und sagen, wer er war, bevor sie ihn hereinließ. „Ich habe niemand unten gesehen“, sagte Danner. Greta war wirklich sehr aufgeregt. Sie umarmte ihn und sagte, dass sie froh war, dass er sofort gekommen war. „Ja klar“, meinte er beiläufig.

Er und seine Tochter hatten ein Abkommen. Sie fragte ihn nicht nach dem Fortschritt seines neuesten Buches und er fragte sie nicht, wie ihr Studium lief. Jeder erzählte nur dann etwas, wenn er oder sie es für notwendig hielt. „Magst du einen Tee?“ Er nickte und setzte sich im Wohnzimmer auf die Couch. Auf dem niedrigen Tisch lag ein Fotobuch über England vom English Heritage. Er blätterte es auf. „Bist du jetzt in Canterbury fertig oder musst du noch einmal hin?“, rief er in die Küche. „Ich bin fertig. Außer, ich hänge noch ein PhD dran. Aber keine Angst, das habe ich nicht vor.“ – „Ich rede dir da nicht rein, Greta. Wenn du jemand findest, der es dir finanziert…“ – „Nein, ich will jetzt arbeiten. Es reicht jetzt mit der Büffelei.“ Greta kam mit einem Tablett herein und stellte Tassen, Milch und Zucker auf den Tisch. „Warst Du mal in Denge?“, fragte er und zeigte ihr die Seite im Buch. „Nein, wegen dieser Betonschüsseln? Warum? Schreibst du darüber?“ – „Vielleicht kann ich es verwenden, ich weiß es noch nicht.“ – „Da! Da ist er wieder!“ Greta stand am Fenster und deutete nach unten. Danner warf das Buch auf das Sofa und sprang auf. Sie zeigte auf einen Mann mit einem beträchtlichen Bauchumfang, der auf dem Bürgersteig gegenüber stand und heraufschaute. Neben ihm stand ein Rollkoffer. „Das ist der Mann! Er schaut wieder rauf!“ Danner sagte nur „Bleib hier, ich gehe runter“ und stürmte aus der Wohnung. Der Aufzug kam nicht und so lief er, so schnell er konnte, die Treppe hinunter. Aber Danner hätte sich nicht beeilen brauchen, der Mann stand immer noch da und schaute nach oben. Danner überquerte die Straße. Oben konnte er Greta hinter dem Fenster sehen. Er winkte ihr zu. Sie winkte zurück. Dann winkte der fremde Mann ihr ebenfalls zu. Er nahm wohl an, dass der Gruß ihm gegolten hatte. Der Mann war altmodisch und etwas ärmlich gekleidet, allerdings sehr sauber. Er trug eine grüne Strickjacke, die seinen massigen Leib umfasste, darunter ein weißes T-Shirt und an den Beinen eine graue Anzughose. Danner stellte sich vor ihn und fragte: „Was machen Sie hier?“ Er tilgte jegliche Aggressivität, die er durchaus verspürte, aus seiner Stimme, denn er wusste nicht, wie der Unbekannte reagieren würde.

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