Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Januar, 2015

(337) Wo stehen die Ermittlungen Commissario Borgese?

„Wo stehen die Ermittlungen Commissario Borgese?“ Es war still in dem dunklen holzgetäfelten Büro des Commissario Capo Milian, in das Sergio Borgese gerufen worden war, um Rechenschaft abzulegen. Gastone Milian schaute seinen Mitarbeiter durch eine große Nickelbrille ernst an. Borgese setzte sich etwas gerader hin und erzählte, was er herausgefunden hatte.

In der Diskothek hatte man 331 Leichen gefunden. Das hatte die Polizei in Rimini vor eine unlösbare logistische Herausforderung gestellt und es wurden Kollegen aus Ravenna, Bologna und Florenz hinzugerufen, um die erkennungsdienstlichen Arbeiten durchzuführen. Alle Leichen wurden obduziert, auch dies ein gewaltiges Unterfangen. Dabei kam heraus, dass alle eines natürlichen Todes gestorben waren. 181 Herzinfarkte, 131 Schlaganfälle und 19 sonstige.

„Das ist doch absurd, Borgese. 181 Herzinfarkte in der gleichen Sekunde? Das glaubt uns doch keiner. Gab es Überlebende, Augenzeugen?“ – „Zwei. Einer saß an der Bar, neben seiner Frau. Er war völlig in Ordnung. Seine Frau war tot. Schlaganfall.“ – „Und der zweite?“ Borgese kratzte sich am Kopf. „Da wird es etwas schwieriger. Es gab da noch einen Mann, ein Deutscher. Er saß kurz vor dem… Massensterben auf dem Mechanischen Bullen und hatte eine gute Zeit erreicht. Er ist verschwunden.“ – „Ist er nicht unter den Toten?“ – „Nein. Der Mann an der Bar hat sich alle Leichen angeschaut und gesagt, dass er nicht dabei sei. Er sagte auch, dass der Bullenreiter sich danach durch den Notausgang verdrückt habe.“ – „Was ist besonders bei dem Mann an der Bar? Warum hat er überlebt?“ – „Er sagt, dass er nur da war, weil seine Frau ihn mitgeschleppt hatte. Er hatte keinen Spaß.“ – „Na das ist ja eine tolle Erkenntnis, Commissario Borgese. Alle anderen sind wohl an der Freude gestorben. Nur der Miesepeter hat überlebt. Lächerlich. Damit kann ich nicht vor die Presse treten. Und schon gar nicht vor Primo Dirigente Catenaccio.“

Es war wieder einen Augenblick still im Büro des Commissario Capo. Milian überlegte, was er Catenaccio erzählen konnte und Borgese fragte sich, ob die Unterredung beendet war. Das war sie aber nicht. „Was machen Sie jetzt als Nächstes, Commissario?“ – „Wir suchen den Bullenreiter. Sein Verschwinden ist seltsam. Wir haben Fingerabdrücke vom Notausgang und DNA Proben vom Mechanischen Bullen. Es sind natürlich sehr viele verschiedene, aber es ist ein Anhaltspunkt für die Suche.“ – „Und was erhoffen Sie sich von dem Mann, dem Bullenreiter?“ Borgese hätte am liebsten geantwortet: Nichts, aber es gehört sich so, Leute zu suchen, die weglaufen. Das ist doch ein Polizeiprinzip. „Erkenntnisse“, sagte er stattdessen. Es war überhaupt fraglich, ob irgendjemand schuld war, da alle einen natürlichen Tod gestorben waren. Die Häufung allein machte aus einem Tod ja noch keinen Mord.

(336) Hein Dengler begann den Abend mit einem guten Essen in der Pizzeria Mister Grillo…

Hein Dengler begann den Abend mit einem guten Essen in der Pizzeria Mister Grillo, schräg gegenüber vom Hotel. Das Fischrisotto war famos. Danach trank er einen Digestif in einer Bar und kam schließlich zu einer Diskothek namens Blow up. Er fragte andere Gäste, was es sonst noch in Rimini gäbe und als sie eine andere Disco namens ‚Life‘ erwähnten, hielt es ihn nicht mehr. Er musste unbedingt dorthin gehen.

Das Life befand sich nur ein paar Straßen weiter. An diesem Abend war dort mitten auf der Tanzfläche ein mechanischer Bulle installiert und es lief ein Wettbewerb, wer es am längsten darauf aushielt.

Es waren die jungen Burschen, vor allem deutsche Touristen, die gegeneinander antraten, um ihre Mädels zu beeindrucken. Dengler handelte impulsiv und ließ sich auf die Starterliste eintragen. Der Moderator rief die Kandidaten nacheinander auf und sie konnten zeigen, was in ihnen steckte. Die meisten hielten sich weniger als 10 Sekunden, wie an dem großen roten Display erkennbar. Der bisherige Rekord an dem Abend lag bei 23 Sekunden.

Dann war Hein Dengler an der Reihe. Als er auf die Matte stieg, zog er sein Hemd aus und das Publikum johlte, angesichts seiner Sixpacks. Dengler stieg auf den Bullen und der Maschinist drückte den dicken roten An/Aus-Knopf. Der Bulle ruckte, zuckte und wehrte sich unter Dengler. Aber der hielt sich fest an der Griffschlaufe und umschloss die bockende Maschine mit den Beinen. Dengler hob die andere Hand, um mit wilden Bewegungen den Ritt auszubalancieren, und er blieb auf der Maschine sitzen. Die 23 Sekunden waren vorbei und dann waren es 37, 53, 59. Eine Sirene ertönte und der Maschinist schaltete den Bullen ab. Es war bisher noch niemandem gelungen, es eine Minute auszuhalten. Die Menge grölte und applaudierte. Dengler blieb auf dem Bullen sitzen und grüßte wild wedelnd mit den Armen.

Das Publikum war völlig aus dem Häuschen. Sie drängten über die Absperrung auf die Mitte. Dengler fühlte sich unbeschreiblich gut. Es kam selten vor, dass man ihm Applaus spendete.

„Ihr alle seid unglaublich toll!“, schrie er und die Menge brüllte, pfiff und klatschte. „Ich liebe Euch alle! Ich möchte Euch alle zu mir nach Hause einladen!“ Wieder applaudierten alle. „Wollt Ihr alle mitkommen?“, schrie er. Und alle antworteten lautstark mit „Jaaaaa!“ Dann war es augenblicklich still und Dengler wurde bewusst, dass er einen Fehler begangen hatte. Unbewusst hatte er die Worte für ein Express-Einloggen gewählt. Alle waren nun tot, außer einem griesgrämigen Mann an der Bar, der sich vorher wohl nicht amüsiert hatte. Jetzt, als er sah, wie seine Frau tot vom Barstuhl zu Boden rutschte, musste er auflachen. Zwischen den Leichen saß ein Hund und winselte leise.

Dengler zog rasch sein Hemd wieder an und schlich sich durch den Notausgang hinaus.

(335) Wie oft hatte Hein Dengler schon nach einer Vereinfachung des ganzen Papierkrams gefragt?

Wie oft hatte Hein Dengler schon nach einer Vereinfachung des ganzen Papierkrams gefragt? Er konnte sich nicht mehr erinnern. Aber immer noch waren die Regeln so starr wie eh und je, wenn es darum ging eine Seele einzuloggen. Einzuloggen hieß in seinem Fachjargon, sie für die Reise ins Jenseits einzuchecken. Anderswo gab es Online-Check in, er musste persönlich da sein und natürlich hatten viele dann erst einmal die Idee auszubüxen. Bei den meisten hatte er die Situation unter Kontrolle, aber bei Jerry Lüders hatte er vergessen, die Tür des Schuppens zu verschließen. Natürlich hatte er schon nach einer automatischen Verriegelung gefragt. Oder wenigstens ein Schnappschloss, dass nur von einer Seite zu öffnen war… Lüders hätte sich gar nicht so sehr beeilen müssen. Ab dem Moment, in dem er über die Schwelle des Schuppens nach draußen flüchtete, musste Dengler so viele Formulare ausfüllen, dass Lüders auch auf einer Schildkröte hätte davonreiten können. Natürlich gab es auch keinen Greiftrupp, den Dengler losschicken konnte, um Lüders einzufangen. Er musste es selbst tun. Sehr mühsam.

Die Spur von Lüders führte nach Wien. Dengler fand es ausgesprochen witzig, dass ein Todesgeweihter ausgerechnet nach Wien floh. Von dort aus ging es weiter nach Triest. Dengler war Lüders zwar gut auf der Spur, aber immer ein bisschen zu langsam wegen der täglichen Berichte. Für einen Tag Reisezeit benötigte er mit Berichterstattung und Antwortquittierung einen weiteren Tag; und das auch nur, wenn es bei der Rückmeldung nicht zu Stockungen kam.

Von Triest ging es weiter nach Rimini. Dengler quartierte sich im Derby Hotel in der Viale Regina Elena ein. Er hatte das Gefühl, dass Lüders immer noch dort weilte und sich an den Strand von Rimini gelegt hatte. Allerdings gab es in Rimini 15 Kilometer Sandstrand und 1000 Hotels. Dengler machte sich an die Arbeit. Um in seiner schwarzen Kluft nicht zu sehr aufzufallen, kaufte er sich eine blaue Badehose und schritt, nur damit bekleidet, die Reihe der Liegestühle und Sonnenschirme ab. Als er an einem Strandkiosk Pause machte und ein Eis aß, kam eine junge Frau auf ihn zu und sagte ihm, es wäre bei seiner Haut besser, wenn er Sonnenschutz drauf hätte. Da Dengler so etwas nicht kannte, bot sie ihm an, die Creme für ihn aufzutragen. Er willigte ein und sie tat es. Dann meinte sie, dass er einen sehr stark behaarten Rücken habe und dass das gar nicht mehr modern sei. Sie bot ihm an, den Rücken zu rasieren. Dengler zögerte erst, willigte dann aber ein, denn in der Tat fiel er mit seiner silberfarbenen Wolle auf Brust und Rücken sehr stark auf. Als sie mit dem Rücken fertig war, bat er auch um Haarentfernung an der Brust. Dann cremte sie ihn wieder ein.

Dengler fühlte sich nach der Epilierung wie neugeboren. Er spürte seinen Körper und er merkte wie auch andere Leute am Strand, insbesondere Frauen, ihn anschauten. Er fand auch, dass er im Vergleich zu anderen Männern, sehr schön ausgeprägte Muskeln hatte und keinen Bierbauch vor sich her trug. Dengler nahm sich vor, diese Neugeburt am Abend zu feiern.

(334) In der Mitte der Hütte stand ein Tisch und dahinter saß ein bleicher stattlicher Mann.

In der Mitte der Hütte stand ein Tisch und dahinter saß ein bleicher stattlicher Mann. Er trug einen breitkrempigen Hut und wegen der Deckenlampe direkt über ihm, lag sein Gesicht im Schatten. Vor dem Tisch stand ein zweiter Stuhl. Der Mann zeigte darauf und sagte: „Nehmen Sie Platz, Herr Lüders. Ich habe auf Sie gewartet.“ Als Lüders zögerte, wiederholte der Mann seine Handbewegung. Lüders trat ein, die Tür fiel hinter ihm zu und er setzte sich zu dem Mann. Er schwitzte. Tropfen flossen an seinen Augenbrauen zur Seite und liefen die Wangen herunter. „Wer sind Sie?“, fragte er, etwas atemlos.

Der Mann seufzte. „Herr Lüders, Richard Feynman, ein guter Freund von mir, sagte einmal, dass er früh den Unterschied gelernt hatte zwischen etwas wissen und den Namen von etwas wissen… Gut, Sie brauchen einen Namen. Nennen Sie mich Hein Dengler, wenn Sie möchten.“ – „Was machen Sie hier, Herr Dengler?“ Der Mann seufzte wieder. „Etwas begriffsstutzig sind Sie schon, oder? Und ich dachte immer, Laufen wäre gut für die Hirndurchblutung. Wieder ein zerstörter Mythos.“ Lüders war verwirrt und man sah es ihm an. „Also gut, Herr Lüders, für Sie noch einmal Klartext: Mein Name ist Hein Dengler, ich arbeite als Tod und bin hier, um Sie ins Jenseits zu überführen.“ Lüders brauchte einen Moment und fragte dann: „Warum?“ – „Weil! Sie haben gerade einen Herzinfarkt, einen Hirnschlag, wurden von einer Kugel getroffen oder ein Auto hat Sie an einem Baum platt gemacht. Egal. Sie kommen mit.“ Lüders wurde trotzig. Er stand auf und stellte sich hinter die Stuhllehne, die er mit beiden Händen umfasste. „Nein, ich will nicht.“ – „Immer das gleiche. Wie Kinder, die nicht ins Bett gehen wollen. Kommen Sie mit, vielleicht gefällt es Ihnen sogar. Aus den Unterlagen sehe ich, dass man Ihnen einen besonders guten Platz reserviert hat. Gleich gibt’s Abendbrot und da will man nicht zu spät sein.“ Lüders suchte einen Ausweg. „Gibt es etwas, das Ihnen Spaß macht, aber das Sie sich selbst nicht leisten können?“ Dengler war verblüfft. „Sie wollen mich doch nicht etwa bestechen, Herr Lüders? Wahrscheinlich wollen Sie gleich auch noch Schere Stein Papier spielen? So geht das aber nicht. Heute könnte ich Ihnen nicht einmal eine Stunde mehr geben, es ist im ganzen Prozess nicht vorgesehen. Sie müssen mitkommen.“
Lüders tat so, als ob er mit hängenden Schultern nachdachte. Dann aber drehte er sich blitzartig um, sprang zur Tür, riss sie auf und rannte raus. Er glaubte nicht wirklich, dass er schneller laufen konnte als der Tod, aber er wollte es versuchen. Er lief so schnell er konnte, bis vor sein Haus. Er schaute sich um, niemand war hinter ihm her. Vielleicht hatte der Tod nur in seiner Behausung die Autorität. Warum sonst hätte er den Schuppen gebraucht. Lüders rannte nach oben, packte schnell das Notwendigste in seinen großen Tourenrucksack. Dann lief er aus dem Haus. Er wollte nicht sterben. Er hatte nicht jahrzehntelang an seinem Körper und seiner Gesundheit gefeilt, um auf dem Höhepunkt seines Lebens in einem Schuppen den Löffel abzugeben. Wenn der Tod ihn holen wollte, dann sollte er verdammt noch einmal gute Laufschuhe anziehen.

(333) Jerry Lüders fand Gefallen an Teenage Massacre, dem neuen Videospiel, das er sich im Internet gekauft hatte.

Jerry Lüders fand Gefallen an Teenage Massacre, dem neuen Videospiel, das er sich im Internet gekauft hatte. Mit seinen 65 Jahren lag er voll in der Zielgruppe. Es war schön, dass die Spieleentwickler diesen neuen Markt entdeckten. Bei dem Spiel ging es darum, spätabends durch die Stadt zu gehen und marodierende Jugendliche abzuknallen. Lüders hatte jetzt zwei Stunden am Stück gespielt und fühlte sich großartig. In der Zeit hatte er bestimmt weit über hundert Halbstarke mit Revolver, Uzi, Axt und Kettensäge abgeschlachtet. Er war zwar erschöpft, aber glücklich. Es war eine gute Schulung, damit seine Reflexe auch im richtigen Leben schnell blieben.

Er beschloss, noch eine Runde laufen zu gehen. Er hatte zwar keinen Wettbewerb mehr geplant für dieses Jahr, aber er musste einfach ständig in Bewegung bleiben. Früher, da konnte er auch mal für ein paar Wochen das Training schleifen lassen. Heutzutage würde ihn das um Monate zurückwerfen.

Draußen wurde es schon dunkel, als Lüders in Laufkleidung vor das Haus trat. Er drückte auf den Startknopf seiner Pulsuhr und lief los. Es gab mehrere Stammstrecken, die er abhängig von Wetter, Laune und Kondition abwechselte. Diesmal folgte er dem Gemeindebach, am Friedhof vorbei, hinaus auf die Felder vor der Stadt. Der Wind rauschte im Schilfröhricht und es fühlte sich gut an, wieder in Bewegung zu sein. Als er an einem verlassenen Steinbruch vorbeikam, bemerkte er eine hellgelb gestrichene Holzhütte, die am Eingang stand. Eigentlich sah sie mehr aus wie ein Schuppen. Er hatte diese Hütte noch nie gesehen. Während er weiterlief, fragte er sich, was der Grund für die Hütte sei. Ob man plante, den Steinbruch wieder in Betrieb zu nehmen? Nein, das war ausgeschlossen. Wollte man dort Wohnhäuser bauen und es war eine Bauhütte? Er hatte nichts davon gehört.

Dann kam er durch den dunklen Tannenwald. Den Wind hörte er nur noch in den Wipfeln, sonst war es still. Er hörte ein Geräusch, wie von einem Zippo-Feuerzeug. Oder einer Waffe, dachte er. Unsinn. Dann glaubte er, eine Bewegung im Dunkel zu erkennen. Er sagte sich, dass das von dem Videospiel kam. Unbewusst lief er schneller. Als er den Wendepunkt erreichte, lief er nicht wie sonst den gleichen Weg zurück, sondern umrundete das Waldstück auf einem geschotterten Feldweg.

Dadurch kam er auch wieder zum Steinbruch und er musste ihn durchqueren, um nach Hause zu laufen. Dadurch lief er direkt auf die Hütte zu, die er vorhin entdeckt hatte. Er meinte, Licht zu sehen, das von unten durch die Türritze drang. Vor der Hütte bremste er ab. Sein Herz schlug etwas schneller als sonst, nach einem solchen leichten Lauftraining. Er war nicht richtig in Form. Unschlüssig stand er vor der Hütte. Dann trat er auf die Rampe, die zur Tür führte. Sie ächzte leise unter seinem Gewicht. Er drückte die Klinke nieder und die Tür öffnete sich.

(332) Es war eine dunkle, stürmische Nacht, der Regen fiel in Strömen…

Es war eine dunkle, stürmische Nacht, der Regen fiel in Strömen und ließ nur dann von Zeit zu Zeit nach, wenn er von einem heftigen Windstoß unterbrochen wurde, der durch die Straßen heulte. Der Mond spiegelte sich in den Pfützen, die sich dort gebildet hatten, wo die Platten im Bürgersteig fehlten. Die Straße führte an einem Containerterminal vorbei, der durch einen Maschendrahtzaun abgetrennt war. Auf der anderen Straßenseite standen die Pontons der Stadtautobahn, die zehn Meter höher vorbeirauschte. Unter der Autobahn waren dunkle Durchlässe, hinter denen sich nichts Gutes verbarg. Der Fußgänger ging seinen Weg, ständig auf der Hut, auf alle Geräusche gespannt.

Dann kam einer von links hinter einem Ponton heraus. In der Hand hielt er einen Baseballschläger. Das Gesicht konnte der Fußgänger nicht erkennen, denn der Unbekannte trug eine dunkle Sturmhaube. Dahinter, noch einer. Dieser schwang eine Motorradkette in seiner Hand. Der Fußgänger bewegte sich weiter auf die beiden zu. Sie hatten sich breitbeinig auf dem Bürgersteig aufgebaut und es sah nicht gut aus. Dann ging alles sehr schnell. Als der Fußgänger auf zwei Meter angekommen war, hob der vordere Mann den Schläger. Der Fußgänger zog seinen Revolver und feuerte. Der Baseballschlägertyp fiel zu Boden. Bevor der Kettenmann etwas unternehmen konnte, war er von einem zweiten Revolverschuss niedergestreckt worden. Aber das war erst der Anfang. Aus einem Durchlass zwanzig Meter weiter brach mit aufheulendem Motor ein schwarzer Pick-up-Truck raus. Auf der Ladefläche standen fünf oder sechs Halbstarke. Einer schwang eine Machete. Was den Fußgänger aber beeindruckte, war das Maschinengewehr, das oben auf der Fahrerkabine montiert war. Schon während der Wagen sich noch drehte, um auf den Fußgänger loszufahren, spuckte die Mündung schon Feuerstöße aus. Der Fußgänger duckte sich in den Durchlass direkt neben ihm. Vorher entsicherte er aber noch eine Handgranate und warf sie in Richtung des heranpreschenden Wagens. Er war schon vom Ponton geschützt, als die Granate explodierte und die Druckluftwelle alles erschütterte. Im Widerschein des Explosionsblitzes sah der Fußgänger, dass er geradewegs in die Arme eine Rotte von weiteren Gesetzeslosen gelaufen war. Er zog die Micro-Uzi und begann sofort alles was vor ihm war mit einem tödlichen Bleiregen zu überziehen. Der Widerhall der Schüsse war unbeschreiblich in diesem halb offenen Gewölbe. Die Halbstarken waren glücklicherweise nur mit konventionellen Waffen ausgerüstet und konnten der 1700-Schuss-pro-Minute-Feuerkraft der Uzi nichts entgegensetzen. Sie fielen um wie die Fliegen. Ströme von rotem Blut sah der Fußgänger im Widerschein der Feuersalven aus dem Körperhaufen herauslaufen, während er immer noch weiter draufhielt und ein Magazin nach dem andern leerte. Jerry Lüders lächelte glückselig. Das Alter war vielleicht ein Massaker, aber Lüders schoss zurück.

(331) Die Mitglieder meiner Boygroup sind zwischen 61 und 67 Jahren alt.

„Die Mitglieder meiner Boygroup sind zwischen 61 und 67 Jahren alt. Wir sind eine Senior Citizen Boygroup.“ Sandy Schalupke trug ein weißes Hemd, das bis fast zum Nabel aufgeknöpft war und aus dessen Ausschnitt sein üppiges graues Brusthaar herausquoll. Er saß sehr entspannt Gregor Hirsch gegenüber, der Interesse daran zeigte, das Management der Gruppe zu übernehmen. „Wir haben da draußen einen Riesenmarkt. Und unser Publikum kauft auch wirklich die Musik. Die klauen das nicht im Internet. Bei diesen Jungsbands raubkopieren die Fans wie die Raben.“ Hirsch nickte, war weit weg in Gedanken. „The Silver Power, so nennen wir uns. Mit Betonung auf Power!“ Hirsch hatte das Alter der Bandmitglieder in dem Anschreiben übersehen. Er hatte Schalupke eingeladen, weil sein Brief präzise formuliert war und keine Rechtschreibfehler enthielt.

„Ich bin 67“, sagte Schalupke. „Das fragen Sie sich doch gerade, oder?“ – „Nein“, sagte Hirsch abwehrend, denn er hatte daran nicht gedacht. Er hatte auch keine Ahnung, wie ein 67jähriger Mann auszusehen hätte. Dass er so gut drauf wäre wie Schalupke, hätte er aber nicht erwartet. „Unglaublich“, sagte er dann auch wahrheitsgemäß.“ – „Danke, das finde ich auch“, antwortete Schalupke und zeigte zwei Reihen von makellosen Zähnen. Hirsch fragte sich, ob alle davon echt waren. „Die sind alle echt“, sagte Schalupke, „das dachten Sie doch gerade, oder? Sie sind ja nicht der Erste und als ich so alt war wie Sie, war ich auch nicht anders. Schwamm drüber. Wir sind die Silver Power und wird sind fünf Kerle, die hammerhart drauf sind.“ Er klappte einen Schnellhefter aus Pappe auf und entnahm Fotos, die er eins nach dem anderen Hirsch vorlegte. „Jerry. 63 Jahre. Gitarre. Es ist erst drei Monate her, dass er wieder einen Triathlon abschloss, wurde Erster bei der Altersklasse 50+. Das hier ist Roy. 67 Jahre. Drummer. Zurzeit in einem Aschram. Unser spiritueller Kopf. Pat. 63 Jahre. Keyboarder. Bergsteiger, war im letzten Jahr auf dem Mount Everest. Lou. 65 Jahre. Bass. Biologe, arbeitet für eine alternative Pharmafirma, zur Zeit auf Expedition im Amazonas auf der Suche nach bisher unbekannten Arzneipflanzen. Ja, und meine Wenigkeit. 67. Vocals und künstlerischer Leiter.“

„Sehr beeindruckend“, sagte Hirsch. „Wirklich. Ich würde mir mal gerne etwas anhören von Ihnen. Haben Sie eine Demo dabei?“ Schalupke zog eine Grimasse, bei der sein Gesicht kaum Falten zog. „Leider nicht. Sie berühren da einen wunden Punkt.“ – „Das müssen Sie mir näher erklären, Herr Schalupke.“ – „Lassen Sie es mich so sagen. Wir, von Silver Power, stehen alle komplett hinter diesem Projekt. Wie sie sehen, sind wir alle geistig und körperlich superfit und wir sind alle talentiert genug, in dieser Band zu spielen. Es war leider bisher nicht möglich, dass wir fünf uns alle in ein Tonstudio begeben, um eine Demo aufzunehmen.“ Als er sah, dass Hirsch immer noch fragend schaute, fügte er hinzu: „Wir haben bisher keine Zeit gehabt in ein Tonstudio zu gehen. Wir sind alle ständig auf Achse. Es war bisher nicht möglich. Vom Kalender her. Termine halt.“

(330) Vor Gregor Hirsch stand eine Namenstafel und darauf stand ‚Gregor Hirsch, Musicmanager‘.

Vor Gregor Hirsch stand eine Namenstafel und darauf stand ‚Gregor Hirsch, Musicmanager‘. Das ‚C‘ war ihm wichtig gewesen, denn er wollte Spaß haben und Musik mit C klang spaßiger als mit K. Er war jetzt 41 Jahre alt und hatte die letzten 17 davon in der Marketingabteilung eines Unternehmens der Tiefkühlbranche gearbeitet. Dann starb ein Onkel, Gregor erbte und freute sich, dass das hinterlassene Vermögen so beachtlich war, dass er kündigen konnte. Endlich konnte er sich der Musik widmen, seiner wahren Bestimmung. Er wollte das geerbte Geld in Projekte investieren, die etwas mit Musik zu tun hatten. Er hatte eine Anzeige aufgegeben ‚Finanzinvestor sucht Musikprojekte‘ und hatte so viel Post erhalten, dass er eine Sonderzustellung mit Auto bekam. Zuerst hatte er alles sichten und dann auswählen wollen, was in Frage kam. Da die Flut von Zuschriften aber nicht abriss, änderte er sein Vorgehen und schaute sich Projekte nach und nach an, so wie er sie in den Zuschriften fand und für interessant befand. Einige Antragsteller lud er gleich zum Gespräch in sein neues Home Office ein. So auch Jonas Binder. Was Hirsch bei Binder gefallen hatte, war dass sie beide ungefähr gleichalt war und Binder ebenfalls schon jahrelang nach seiner Chance suchte. Jetzt saßen sie bei Hirsch zusammen und tranken Kaffee, den Hirsch den beiden aus dem neuen Kaffeeautomaten geholt hatte. Binder saß vor ihm in der neuen Ledercouch und Hirsch saß ihm gegenüber in einem tiefen, neuen Ledersessel. Hirsch fand es toll, dass er jetzt zu geschäftlichen Treffen in T-Shirt und Jeans erscheinen konnte und sich nicht einmal zu rasieren brauchte.

Jonas Binder hatte ein Musical geschrieben über das Leben von Kim Jong-il.

„Juri Irsenowitsch Kim, hauptsächlich bekannt unter dem Namen Kim Jong-il, hatte ein Leben, das mehrere Musicals füllen könnte. Wir können uns die besten Stories heraussuchen. Man braucht nichts zu erfinden, es ist alles da“, erklärte Binder. „Geben Sie mir Beispiele“, sagte Hirsch. „Ich weiß nicht, wo ich beginnen soll, aber hier sind ein paar Szenen, die mir spontan einfallen: Seine Geburt, die von einer Schwalbe und einem doppelten Regenbogen vorhergesagt wurde; sein Bruder, den Kim im Alter von 5 Jahren im Swimmingpool des Elternhauses ermordet haben soll; der lange, aber unaufhaltsame Aufstieg durch Partei- und Staatsämter; seine schwierige Beziehung zu Kim Il-sung, seinem Vater, den er in einem bombastischen Personenkult ehren ließ; die Legenden, die sich um ihn rankten: dass er mit seiner Laune das Wetter beeinflussen konnte, dass er durch Raum und Zeit reiste usw. Ich habe die Geschichte von seiner Geburt bis zum Staatsbegräbnis kadenziert und auch schon Liedtexte geschrieben. Sogar einen hervorragenden Sänger habe ich als Darsteller gefunden. Im Austausch mit einem langfristigen Vertrag ist er bereit, sich unters Messer zu legen und operativ an Kim angleichen zu lassen.“

„Gab es nicht schon einmal ein Musical über Kim Jong-il?“, fragte Hirsch am Ende von Binders Vortrag. „Nicht als solches“, antwortete Binder. „Es gab einen Hinweis darauf in einer Folge der Simpsons, aber ich habe mir dabei nur die Inspiration geholt. Die Geschichte stammt von mir.“

Gregor Hirsch hatte aber ein Problem damit, ein Musical zu finanzieren, das in irgendeiner Form schon da gewesen war. Am nächsten Tag schrieb er Binder einen Brief, in dem er ihm mitteilte, dass er an dem Projekt doch nicht interessiert sei.

(329) Kim Jong-ils größte Entdeckung war es, dass er Sandra mit einem in ihre Ohren gehauchten Satz auf Koreanisch willenlos machen konnte.

Kim Jong-ils größte Entdeckung war es, dass er Sandra mit einem in ihre Ohren gehauchten Satz auf Koreanisch willenlos machen konnte. Sie seufzte dann nur leise und schmiegte sich an seine knisternde Vinalon-Kombi. Er probierte es mit vielen unterschiedlichen Sätzen, aber es gab nur einen, der bei ihr die Duldungsstarre auslöste. Der Satz lautete „Nae hoebuhkeurapeuteuneun changuhro kadeuk cha isseyo“. Sandra verstand kein Koreanisch und wusste nicht, was der Satz bedeutete („Mein Luftkissenfahrzeug ist voller Aale“). Es war nur die Sprachmelodie, die sie im Innersten traf.

Als Kim Jong-il dies entdeckte hatte, ging er während vieler Zyklen ganz einfach vor. Er besorgte sich um 6 Uhr den Generalschlüssel beim schlafenden Nachtportier und schlich sich um 6:10 Uhr in Sandras Zimmer. Zu dem Zeitpunkt hatte sie eine REM-Phase und lag völlig entspannt auf dem Rücken. Er flüsterte ihr den Satz ins rechte Ohr. Sie seufzte, schmiegte sich an ihn und wurde wach, blieb aber immer noch so entspannt wie in der REM-Phase. Das eröffnete dem Generalissimus alle Freiheit der Welt. Er besorgte sich um 5:30 Uhr in einer Buchhandlung im Frankfurter Hauptbahnhof ein Buch mit dem Titel „Die 101 schärfsten Stellungen“ und beschloss, das ganze Buch systematisch durchzuarbeiten. Praktischerweise gab es auf den Seiten 227-233 eine Checkliste, bei der er ankreuzen konnte, was er gerade erledigt hatte. Das Kreuz war natürlich am nächsten Tag wieder weg, aber er konnte sich visuell besser erinnern, wo er gerade war. Einige Stellungen gefielen ihm sehr gut, wie zum Beispiel Schwein in einer Decke oder Kauernder Tiger, verborgene Leidenschaft. Die stehenden Positionen, wie die Begegnung mit der Kuh oder Der aufrechte Staubsauger, mochte er nicht, weil sie sehr anstrengend waren und Sandra ungefähr so groß war wie er. Aber der Generalissimus hatte sich immer in seinem Leben durch seine Selbstdisziplin ausgezeichnet und daher führte er auch diese Positionen bis zum Orgasmus durch.

Als Kim Jong-il alle Positionen abgehakt hatte, ging er nicht mehr zu Sandra zurück. Er fühlte eine Leere in sich und fragte, wie es weitergehen würde. Dass es weiterging, daran bestand keine Frage mehr. Es würde bis in alle Ewigkeit einen Morgen geben, der immer wiederkehrte. Wenn er wenigstens wieder in Pjöngjang wäre, dann könnte er in seiner Biografie erwähnen lassen, dass es ihm als einzigem Mann gelungen war, alle denkbaren Sexualpositionen (oder zumindest die 101 schärfsten davon) an einem einzigen Tag auszuführen. Er erzählte es probeweise einigen Geschäftsleuten, die sich immer um 22:15 Uhr in Jimmy’s Bar im Hessischen Hof trafen. Aber sie wollten ihm nicht glauben und lachten ihn nur aus. Er probierte, die Geschichte in verschiedenen Varianten zu erzählen, manche durchaus auch selbstironisch, aber es half nichts. Es machte ihn so wütend, dass er an mehreren Abenden in die Bar zurückkehrte, um sie alle, inklusive des überheblichen Barkeepers, zu erschießen. Natürlich wusste er, dass das eine Übersprunghandlung war, aber der Generalissimus war auch nur ein Mensch.

(328) Mit der Zeit entdeckte Kim Jong-il einen weiteren Zeitvertreib, der ihm Vergnügen bereitete.

Mit der Zeit entdeckte Kim Jong-il einen weiteren Zeitvertreib, der ihm Vergnügen bereitete. Auf Zimmer 313 wohnte im Hotel Admiral eine junge Frau. Sie hieß Sandra Schiffner, wie er im Meldebuch nachlesen konnte, wenn der Nachtportier zwischen 4:30 Uhr und 6:30 Uhr auf dem Feldbett im Büro schlief. Der General sah Sandra öfters, weil sie an dem Tag immer um 9:17 Uhr in den Frühstücksraum kam und dort ganz traurig in eine Tasse Kaffee hineinstarrte. Er hatte versucht, mit ihr ins Gespräch zu kommen, aber was immer er ihr sagte, sie beachtete ihn nicht.

Aber Kim Jong-il nannte man nicht umsonst Generalissimus. Es war ihm ein leichtes, seine Strategie bei Bedarf zu verändern. Bevor die junge Frau ihr Zimmer verließ, entführte er sie und verbrachte den Tag mit ihr. Bei der Entführung selbst variierte er sein Vorgehen und hielt Buch über Erfolge und Misserfolge. Blumengeschenke halfen nicht. Ebenso wenig Geld, Bonbons und Champagner. Ein hervorgehaltener Revolver zeigte sich als das probateste Mittel, die Entführung umzusetzen. Der Nachteil war, dass es die Stimmung der jungen Frau für den Rest des Tages vermieste. Eine Maschinenpistole, die er testweise einsetzte, hatte den gleichen Effekt. Das irritierte Kim Jong-il. Dass es Einschränkungen gab wegen der Singularität im Raum-Zeit Kontinuum, damit musste er sich abfinden, das sah er ein. Dass aber seine Wünsche von anderen Menschen derart missachtet wurden, war ihm fremd. Während einiger Zyklen mied er Sandra und beschäftigte sich damit, seinen Golfschwung zu verbessern. Nachdem er den Resident Pro aufgrund von Respektlosigkeit mehrmals erschießen musste, wandte sich Kim Jong-il wieder dem Sandra-Problem zu. Und dann hatte er einen Plan.

Er beschaffte sich ein Pferd und ritt damit am frühen Morgen in ihr Zimmer. Sie war so verblüfft, dass sie bei ihm aufstieg und dann sprang er mit ihr aus dem Zimmer heraus wieder auf die Straße. Passieren konnte ja nichts, das hatte er in all den wiederholten Tagen gelernt. Schlimmstenfalls endete der Tag vorzeitig und er wachte einfach gleich am nächsten Tag wieder auf, um den Tag wieder neu anzugehen.

Mit der Zeit konnte er die junge Frau sogar zum Lachen bringen. Eigentlich wurden die Tage mit ihr immer besser. Aber er musste jedes Mal wieder von vorne beginnen und sie erinnerte sich nie daran, was sie am Vortag unternommen hatten. Sein Ziel war es, dass sie sich in ihn verliebte. Das war eine echte Herausforderung, denn obwohl sie aufgeschlossen war, hatte sie ein völlig falsches Bild von ihm. Die verdammte westliche Propaganda. Nicht umsonst hatte er immer davor gewarnt. Eine teuflische Machtmaschine, mit der man Unwahrheiten über ihn erzählte. Zum Beispiel sagte man von ihm, dass er nur 1,57 Meter maß und Spezialschuhe trug, um größer zu wirken. Dabei war er 1,63 Meter hoch und liebte es einfach, auf hohen Absätzen zu gehen. Besonders beim Reiten waren sie zudem sehr praktisch.