(301) „Was für ein Mist“, murmelte Herb Fenton und warf die Zeitung auf den Tisch.

von Alain Fux

„Was für ein Mist“, murmelte Herb Fenton und warf die Zeitung auf den Tisch. Er hatte der Journalistin vom Kentish Express während zwei Stunden den Hof und die Kühe gezeigt, und dann kam so was raus. Titelzeile ’40 Pints für Ollie und George‘. Wahrscheinlich würde er sich jetzt mit wildgewordenen Tierschützern prügeln müssen, die nicht wollten, dass er den Kühen Alkohol gab. Er hätte seine Klappe halten sollen und nicht davon im Pub erzählen. So kam die Zeitung ja erst drauf. Immer auf der Suche nach einer Sensation. Kühe trinken Bier. Ei der Daus. Er hätte sich einfach zufrieden schätzen sollen, dass er mit dem Fleisch der Tiere in London ganz vernünftige Preise erzielen konnte.

Die Mittagspause war zu Ende. Farmer Fenton stand auf, legte die Lesebrille in das abgewetzte Lederetui zurück und verstaute das in seiner Tweedjacke. Im Flur zog er die Gummistiefel an und ging hinaus. Er wollte zu den Mickymausohren gehen, um zu sehen, in welchem Zustand die Weide war. Vielleicht würde er die Kühe nächste Woche dort grasen lassen. Natürlich nur die normalen Kühe.

Früher hatte er nur normale Kühe und ärgerte sich, dass der Fleischpreis immer mehr in den Keller ging. Alle wollten immer weniger für gutes Essen zahlen. Dann hatte er im Fernsehen einen Film über Japan gesehen, in dem Kobe-Rinder vorkamen, die etwas ganz Besonderes waren. Sie wurden mit großem Aufwand gepflegt, bekamen Bier zu trinken und wurde sogar massiert. Dadurch wurde ihr Fleisch mit einer ganz feinen, wohlschmeckenden Fettmaserung durchzogen. Eine Offenbarung waren für Fenton die Preise, die für Kobe-Fleisch gezahlt wurden. Er informierte sich weiter und begann dann seine eigene Zucht. Natürlich war es nicht perfekt und bestimmt nicht mit den japanischen Vorbildern vergleichbar, aber das Fleisch kam sehr gut an und die sechs Kühe, die er so aufzog, brachten mehr ein als die 30, die er auf herkömmlichen Weg grasen ließ. Er würde die ganze Herde umstellen, brauchte dafür aber Hilfe. Seit seine Frau Jenifer vor fünf Jahren von einer Kuh im Stall erdrückt worden war, musste Fenton alles alleine machen und das war sehr anstrengend.

Aus Tradition nannte er die beiden jeweils vielversprechendsten Kobe-Tiere jedes Jahr Ollie und George, nach Ollie Reed, der Schauspieler und George Best, der Fußballer. Beide hätten locker mit den Kühen in puncto Biertrinken mithalten können. Das Fleisch der Tiere schmeckte hervorragend, viel besser als alles andere, was er vorher produziert hatte oder was Greyhurst, der lokale Metzger anbot. Das wirkliche Kobe-Fleisch hatte er noch nie probiert, es war einfach zu teuer für ihn. Es war auch nicht einzusehen, warum man Rindfleisch um den ganzen Globus fliegen sollte. Er war überzeugt, dass sein Fleisch mit dem japanischen bestimmt mithalten konnte. Japanisches Bier hatte er schon einmal probiert und Kent’s Best, das lokale Ale, war viel besser.

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