(298) Es gibt Ärger in Zimmer 100.

von Alain Fux

„Es gibt Ärger in Zimmer 100.“ Herman Ramos, der Portier im Chelsea Hotel, war einiges gewohnt. „Wer ist denn dran?“, fragte er. Aber der Anrufer wiederholte nur den gleichen Satz und legte auf. Der Anruf war von draußen gekommen. Der Portier zuckte mit den Schultern und legte ebenfalls auf. „Charles!“, rief er nach hinten. Der Hotelpage kam zu ihm. „Geh mal zu Zimmer 100 und schau nach, ob alles ok ist. Da wohnt ein Pärchen. Etwas durchgeknallt, besonders sie. Hast du deinen Generalschlüssel?“ Charles zog ihn aus der Tasche und zeigte ihn. Dann sprintete er zur Treppe und lief nach oben.

In Zimmer 100 war es ruhig. Nachdem er ein paar Augenblicke am Türblatt gehorcht hatte, klopfte er leise und dann noch einmal lauter. Es kam keine Antwort. Leise führte Charles den Schlüssel in das Schloss und sperrte die Tür auf. Die Vorhänge waren geschlossen und es war etwas unheimlich, wie sie sich bewegten. Das Fenster war offen. „Hallo?“, fragte Charles und als niemand antwortete, ging er beherzt hinein und zog die Tür hinter sich zu. Im Zimmer lagen drei große Koffer und überall waren Harrodstüten verstreut. Das große Bett war zerwühlt und die Laken hatten dunkle Flecken. Charles trat näher und sah, dass es Blutflecken waren. Vor Anspannung hielt er den Atem an.

Die Tür zum Bad war angelehnt. Er klopfte noch einmal, mehr um Zeit zu gewinnen, als um zu hören, ob jemand da war. Er drückte die Tür auf, bis sie von etwas blockiert wurde. Weit genug, dass Charles hineingehen konnte. Am Boden lag eine Frau in Unterwäsche, ihr Körper war blutverschmiert. Sie lag auf dem Rücken und schien eine Wunde am Bauch zu haben, aus der das Blut ausgetreten war. Ihr Kopf lag unter dem Waschbecken und Charles konnte nicht sehen, ob sie die Augen aufhatte oder nicht. Nur ihre platinblonden Haare sah er. Obwohl er bisher keinen toten Menschen gesehen hatte, war Charles sicher, dass die Frau nicht mehr lebte. Sie lag da, bekleidet mit einem schwarzen Büstenhalter und einer schwarzen Unterhose, beide getränkt von ihrem eigenen Blut, inmitten einer ganzen Pfütze von Blut.

Charles brauchte etwas, bevor er seinen Blick von der Toten lösen konnte. Dann ging er aus dem Zimmer und verschloss aus Gewohnheit die Tür wieder hinter sich. Als er ein paar Schritte den Flur hinunter gegangen war, drehte er sich um, um zu sehen, ob er Blutspuren hinterließ. Aber da war nichts. Schnell lief er die Treppe hinunter um Herman, den Portier, zu informieren. „Sie liegt tot im Badezimmer. Alles blutig“, sagte Charles. Herman nahm das Telefon und rief einen Krankenwagen und gleich auch die Polizei.

Charles saß dann auf einem Stuhl hinter der Empfangstheke und zitterte, als ob ihm kalt wäre. Herman legte eine Decke um seine Schultern und holte ihm einen Kaffee. Der Tod war Stammgast im Chelsea Hotel.

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