(297) Ich bin froh, Sathinee, dass sie dich nicht rausgeworfen haben.

von Alain Fux

„Ich bin froh, Sathinee, dass sie dich nicht rausgeworfen haben“, sagte Tracy. Es war zwar nur eine Bandprobe, aber auch dabei trug sie die silbernen Jeans, die zum Erkennungszeichen der „The Silver Punkettes“ gehörten. Vier Mädchen hatten die Band in der Schule gegründet, neben Tracy und Sathinee waren es Sidney und Olivia. Als es danach aussah, dass Sathinee gehen musste, weil ihre Mutter das Schulgeld nicht mehr zahlen konnte, hatten sie ein Konzert organisiert, um gemeinsam das Geld einzutreiben. Zwar hatte Sathinees Mutter das Geld irgendwie auftreiben können, aber das Konzert wollten sie immer noch geben. Die Karten für den Schulfestsaal waren auch schon ausverkauft. Leider hatte die Schuldirektorin darauf bestanden, dass es nur Sitzplätze gab. Die vier Mädchen hatten zwar schon für Freunde auf Partys gespielt, aber das hier war die erste Möglichkeit, sich einem größeren Publikum zu zeigen. Der Name der Band kam von Tracy. Sie wollte Rebellion mit Glam-Chic vermischen. Außerdem fand sie, dass Silber ihr sehr gut stand und sie hatte auch schon eine silberfarbene Gitarre. Sathinee sang, Sidney spielte Bass und Olivia saß am Schlagzeug. Die vier waren nicht wirklich Punkerinnen, aber die Attitüde und die Möglichkeit, sich demnach zu kleiden, fanden sie gut. Am Anfang hatte die Direktorin Bedenken gehabt, aber dann hatte Tracys Vater mit ihr gesprochen und sie hatte ihnen sogar einen Proberaum genehmigt. Es war ein etwas muffiger Kellerraum im Tunnel zwischen Hauptgebäude und Turnsaal, aber besser als nichts.

Als die anderen beiden im Proberaum ankamen, sagte Tracy, dass sie sich Gedanken gemacht hatte wegen der Setliste. „Ich denke, wir fangen mit ein paar Klassikern an: ‚Anarchy in the UK‘ und ‚God Save the Queen‘. Danach würde ich alle Tracks von ‚Sid sings‘ spielen, in der gleichen Reihenfolge. Was meint Ihr?“

Sidney sah skeptisch aus. „Sid Vicious ist etwas schwach am Bass. Der Mann konnte gar nicht spielen.“ Olivia sagt: „Das ist etwas zu viel vom Gleichen. Etwas mehr BTK wäre nicht schlecht.“ Tracy gab sich großzügig: „Na gut, nehmen wir noch ‚Swinging by‘ von BTK dazu. Das gefällt mir auch sehr gut. Und die Basstracks bauen wir neu. Was meinst du, Sathinee?“

Eigentlich fand Sathinee, dass Tracy zu sehr Sid-fixiert war und sich selbst wohl als eine Art Nancy Spungen sah. Nancy Spungen ohne Heroin, wohlbemerkt. Aber sie wollte auch nicht undankbar sein, denn immerhin hatte Tracy sich mehr als alle anderen dafür eingesetzt, dass sie an der Schule bleiben konnte.

„Finde ich gut“, sagte sie. Sie überlegte sich, ob sie ihren Vater, den sie erst vor einer Woche zum ersten Mal gesehen hatte, zu dem Konzert einladen sollte. Sie musste mit ihrer Mutter darüber sprechen. Es war alles sehr verwirrend.

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