(294) Als Reverend Sterne in die Kirche kam, wartete Mrs Fitzherbert bereits vor dem Beichtstuhl.

von Alain Fux

Als Reverend Sterne in die Kirche kam, wartete Mrs Fitzherbert bereits vor dem Beichtstuhl. Sie kam jede Woche zur Beichte, hatte keine nennenswerten Sünden zu berichten und war doch jedes Mal hocherfreut, wenn sie von Sterne losgesprochen wurde. Dass sie über einige Dorfbewohner, hinter deren Rücken, böse Dinge sagte, beichtete sie nie. Sterne hatte schon einmal überlegt, sie darauf anzusprechen, tat es aber nicht, weil er diese Diskussion mit ihr nicht führen wollte. Darüber sollte sich Gott Gedanken machen, er hatte Frau Fitzherbert ja schließlich erschaffen.

Danach kam Rob Neville herein. Er kam zwar öfters mit seiner Frau und seinen Kindern in die Kirche, war nach Sternes Erinnerung aber noch nie zur Beichte erschienen. Entsprechend brauchte er die Hilfe des Priesters, um die richtige Abfolge des Beichtrituals zu wahren. Neville konnte sich auch nicht erinnern, wann er zum letzten Mal gebeichtet hatte. Dann kam er zur Sache. Seine Nachbarin war Mrs Higgins, eine alte Jungfer, geschätzte zehn Jahre älter als Neville. Neville erzählte, dass er manchmal abends, wenn es dunkel war, mit dem Fernglas Mrs Higgins beim Entkleiden beobachtete. Sterne war verblüfft. „Wir reden über Mrs Higgins, Deine Nachbarin?“ – „Ja, Hochwürden.“ – „Mrs Higgins, die einen etwas krummen Rücken hat und beim Gehen ein Bein nachzieht?“ – „Genau die, Hochwürden.“ – „Nun, mein Sohn, wenn es eine junge Frau wäre, würde ich das fleischliche Verlangen eher verstehen. Bei Mrs Higgins fällt es mir aber schwer. Du hast doch eine Frau, die ein paar Jahre jünger ist als du…“ – „Fünf Jahre, Hochwürden“ – „Eine junge Frau, die fünf Jahre jünger ist als du – was bringt dich dazu in der Nacht Mrs Higgins beim Ausziehen zuzuschauen?“

Neville kratzte sich am Kopf. „Mir geht es auch so, Hochwürden. Ich verstehe es nicht und deshalb komme ich zu Ihnen. Deswegen und natürlich auch, um Buße zu tun.“ – „Bereust du es denn, mein Sohn?“ Neville blieb still. „Du musst es bereuen, sonst kann ich dich nicht lossprechen. Aber sag mir, warum du es tust?“ – „Ich glaube, Hochwürden, ich tue es, weil es verboten ist.“ Sterne war über die Antwort erstaunt. „Heißt das, dass du es nicht tun würdest, wenn es nicht verboten wäre?“ – „Ja, Hochwürden, davon bin ich überzeugt.“ – „Also, mal angenommen, ich würde sagen, Rob Neville, ab jetzt darfst du Mrs Higgins so lange beim Entkleiden zusehen, wie du Lust hast. Dann würdest du es nicht mehr tun?“ – „Da bin ich mir ganz sicher, Hochwürden.“ Sterne dachte nach und schüttelte den Kopf. „Du weißt schon, mein Sohn, dass ich das nicht machen kann.“ – „Das habe ich befürchtet, Hochwürden.“

Eigentlich durfte Sterne Neville nicht lossprechen. Andererseits hatte sich der arme Teufel Gedanken gemacht und war freiwillig zur Beichte erschienen. „Bete zwanzig Vaterunser und zwanzig ‚Gegrüßet seist du, Maria‘, mein Sohn. Und kümmere dich mehr um deine Frau.“ Dann sprach er Neville los.

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