(283) Irgendwie sind wir nicht vorangekommen.

von Alain Fux

„Irgendwie sind wir nicht vorangekommen.“ Rupert Morlar erhob sich aus dem Sessel am Kamin und schaute durch das Panoramafenster hinaus auf Loch Linnhe. Die Sonne würde in Kürze hinter den Hügeln auf der anderen Seite der lang gezogenen Meeresbucht untergehen. Eines musste er Oscar Zonfeld lassen: Sein Ferienhaus im schottischen Port Appin war vom Feinsten. Aber deshalb war Oscar der Produzent und Rupert der Regisseur. „Ich denke, wir haben schon gute Fortschritte gemacht, um ein gemeinsames Projekt zu finden. Zumindest haben wir viel Müll verworfen.“ Rupert nickte. Das letzte Drehbuch, das sie vorher besprochen hatten, handelte von einem behinderten Jungen, der Todesfälle vorhersehen konnte. Aber das Drehbuch wusste nicht, ob es ein Thriller, ein Sozialdrama oder eine Komödie sein wollte. Außerdem war bei einem solchen Stoff nie klar, mit welchen Interessensgruppen man Konflikte haben würde. Im Zweifel, Nein, hatten sie beschlossen. Sie hatten sich in Schottland zurückgezogen, um Filmideen zu sondieren und auszuwählen. Den ganzen Tag hatten sie gearbeitet und jetzt waren alle Ideen, die sie mitgebracht hatten, verworfen. Sie hatten vorgehabt, drei Tage zusammen zu arbeiten, und jetzt hatten sie bereits am ersten Tag nichts mehr in den Händen. „Was machen wir jetzt?“, fragte Rupert. „Wir gehen jetzt essen. Ich habe einen Tisch im Airds Hotel reserviert.“

Das Airds Hotel war ein luxuriöses Landhotel mit einer hervorragenden Küche. Nach dem Essen saßen sie mit einem Whisky in der Hand am prasselnden Kaminfeuer. Sie waren bester Laune, denn während des Abendessens hatte sie zusammen bereits drei Flaschen Rotwein geleert.

„Das ist wirklich eine tolle Gegend „, sagte Rupert. „Auf dem Weg hierher habe ich eine Burg gesehen, die genau so aussah, wie eine Burg aussehen soll.“ – „Das war Castle Stalker. War in „Holy Grail “ von Monty Python und in ‚Highlander‘. Wirklich tolle Kulisse“, bestätigte Oscar. „Leider etwas abgelutscht.“ Rupert nickte und sie tranken weiter Whisky. Als sie schließlich aufbrachen, waren sie zwar ziemlich betrunken, aber die kalte Meeresluft auf dem Heimweg erfrischte sie wieder. „Die Lampe des Anrufbeantworters blinkt“, sagte Rupert. Oscar drückte auf den Abspielknopf. Eine Stimme sagte: „Hier ist Bernard Fraser. Ich habe etwas für Sie, rufen Sie mich schnell zurück.“ – „DER Bernard Fraser?“, fragte Rupert. „Wer?“ – „Der Bernard Fraser, der im letzten Jahr den Oscar für das beste Originaldrehbuch bekommen hat, Thirty-Seven Passions.“ – „Scheiße!“, jetzt war auch Oscar hellwach. „Und ausgerechnet dann sind wir nicht da. Wahrscheinlich hat er ein Drehbuch für uns. Ganz Frisch. Exklusiv!“ Sie hörten die Nachricht noch einmal ab. „Verdammt, er hat keine Nummer hinterlassen!“ Sie schauten nach in den Kontaktlisten ihrer jeweiligen Smartphones. „Nein, habe ihn nicht“ – „Ich auch nicht. Wo wohnt er?“ – „LA oder London.“ – „Wer kennt ihn?“ – „Ich glaube, David Seidler ist ein guter Freund von ihm.“ Sofort stürzten sie sich wieder auf ihre Smartphones. „Habe ich auch nicht.“ – „Dito. Wer kennt David Seidler?“ – „Coppola, wegen Tucker.“ – „Zu lange her.“ – „Ich habe einen Freund, der Colin Firth gut kennt.“ – „Na los, schnell, wir dürfen keine Zeit verlieren. Exklusiv!“

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