(282) Carsten sprach nicht viel.

von Alain Fux

Carsten sprach nicht viel. Sogar wenn er mit Linda Lohrer, seiner Mutter, alleine war, schien er immer nur seinen Gedanken nachzuhängen. Sie hatte ihm auch andere Bücher zum Lesen gegeben, aber nachdem er kurz hineingeschaut hatte, ließ er sie liegen und konzentrierte sich auf das Lexikon, das Linda ihm einmal aus einem Antiquariat mitgebracht hatte. Ansonsten brauchte er nur hin und wieder ein Malbuch und neue Buntstifte und dann war er wieder glücklich. Sie war froh, dass er zum Schießstand mitkam. Es wäre zu teuer, einen Babysitter für ihn zu organisieren, und Linda hatte eigentlich keine andere Freude, als die Zeit, die sie dreimal in der Woche mit den anderen Frauen auf dem Schießstand verbrachte.

Wenn Linda mit den Frauen nach dem Schießen noch einen Kaffee trinken ging, nahm sie Carsten selbstverständlich mit und auch hier, war es überhaupt kein Problem. Die anderen Gäste des Cafés kannten ihn bereits.

An einem Tag saßen die Frauen im Café und sprachen über Frau Mantel, die von ihrem Männerhass völlig eingenommen schien. Sie sprachen gerade darüber, dass es vielleicht besser sei, wenn sie ihre Waffe abgeben würde, bevor noch ein Unglück geschah. Als Frau Preuss das sagte, schaute Carsten unvermittelt auf und schrie ganz laut: „Frau Mantel. Bummbumm. Tod!“ Linda war erschrocken und versuchte Carsten zu beruhigen, aber es gelang ihr nicht. Er wiederholte ständig die gleichen Worte. Linda musste ihren Sohn nach Hause bringen. Am nächsten Tag rief Frau Preuss an und sagte, dass Frau Mantel am Abend vorher einen Mann auf der Straße erschossen hatte. Er habe sich ihr unsittlich genähert.

Eine Woche später saßen die Frauen wieder im Café und Carsten schrie plötzlich: „Onkel Kowalewski. Flammen. Tod!“ Den Frauen wurde es unheimlich. Frau Sackenreuther erbot sich, bei Herrn Kowalewski nachzusehen. Nach ein paar Minuten kam sie zurückgelaufen und meldete, dass Flammen aus dem Schießstand hervorschossen. Die Feuerwehr wurde gleich alarmiert. Der Schießstand brannte nieder. Als sicher war, dass keine Gefahr mehr bestand, dass Munition explodierte, fand man die Leiche von Herrn Kowalewski in den niedergebrannten Überresten. Seltsamerweise war seine Zigarre immer noch nicht angezündet. Das sagte ein Feuerwehrmann den Frauen, die in dem Café verblieben waren.

Mit Grauen schauten die Frauen zu Carsten, der am Tisch saß und mit Buntstiften in seinem Malbuch kritzelte. Frau von Hülsen war die erste, die danach etwas sagte. „Ich glaube, wir werden der Polizei davon erzählen müssen, Linda. Das kann doch kein Zufall sein.“ Linda stand sichtlich unter Schock. Sie antwortete nicht, beobachtete nur Carsten, wie er auf dem Feuerwehrauto die Umrisse der Zahl ‚263‘ mit gelber Farbe füllte.

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