(278) Leon Preuss prahlte gerne mit dem Mercedes W163, der aber eigentlich seiner Mutter gehörte.

von Alain Fux

Leon Preuss prahlte gerne mit dem Mercedes W163, der aber eigentlich seiner Mutter gehörte. Das wusste nur keiner. Der Wagen war zwar nicht das neueste Modell, aber es war ein SUV und sah recht bullig aus. Seine Mutter hatte ihn ausgewählt, weil sie sich darin geschützter fühlte. Leon fühlte sich darin männlicher.

Zuerst schaute sie in einer Kneipe vorbei, dann in einer Bar, danach wollte Leon in die Disco. Dennis fuhr mit. Im Très Sound Party kannte Leon den Türsteher und konnte das Auto direkt neben dem Eingang abstellen. Auf der anderen Seite stand ein aufgemotzter Golf. „Wem gehört denn der Bauernporsche?“, fragte Leon. „Irgendein Typ. Heißt Louis. Kannte ihn noch nicht“, antwortete der Türsteher. Drinnen tranken Leon und Dennis erst mal einen Gin Tonic. Dann fragte Leon den Barkeeper, wer denn Louis sei. Der Barkeeper zeigte auf einen schmalen blond gelockten Typ, der mit zwei Mädchen herumschäkerte. „Lass mal“, sagte Dennis noch, aber da war Leon schon auf die Gruppe zugegangen. Dennis verzog sich auf die Toilette. Als er zurückkam, fing ihn Leon ab. „Wir machen ein kleines Wettrennen“, sagte er. „Echt?“, Dennis war nicht überrascht. „Jetzt?“ Da kam schon Louis mit den beiden Tussen. Leon stellte Dennis vor. Dennis verstand die Namen der Frauen nicht, sie hatten aber auch kein Interesse an ihm. „Wo?“, fragte Dennis, kannte aber schon die Antwort. „Am alten Steinbruch.“

Meistens gewann Leon diese Rennen, bei denen es darauf ankam, den schnurgeraden Verbindungsweg zwischen der Bundesstraße und dem Steinbruch möglichst schnell zurückzulegen. Verkehr gab es dort keinen, es war also recht ungefährlich. Wenn mal ein Pärchen zum Fummeln an den Steinbruch fuhr, wurde es von dem Motorenlärm und dem Reifenquietschen früh genug gewarnt.

„Bist du in Form?“, fragte Dennis auf der Fahrt zum Steinbruch. Leon nickte und beobachtete seinen Kontrahenten im Rückspiegel. Als sie von der Bundesstraße abfuhren, hielt Leon an, Louis stellte sich daneben. Dennis erklärte die Regeln. Eine der beiden Tussen, die Nicht-Freundin, erklärte sich bereit mit einem Taschentuch das Startsignal zu geben.

Als das geklärt war, stiegen die anderen wieder ein. Louis und Leon traten die Gaspedale im Leerlauf durch. Als die Tussi das Taschentuch senkte, fuhren sie mit vollem Karacho los. Leon kam besser weg, aber Louis musste einen voll durchgetunten Motor in seinem Golf haben. Er holte sehr schnell auf und fuhr mit Leichtigkeit am Mercedes vorbei. Dann musste Leon einen Fehler gemacht haben, denn Dennis sah, wie der Wagen von der Straße abkam und in sehr spitzem Winkel auf den Graben zusteuerte. Wenigstens verlor er auf dem Schotterstreifen Geschwindigkeit und als er schließlich mit einer Seite komplett im Graben hing und frontal gegen das Bewässerungsrohr stieß, war er schon recht langsam. Dennis registrierte die roten Bremsleuchten des Golfs; die Airbags, die sich aufblähten und den Prospekt, der von der Rückbank nach vorne flog und den Dennis reflexartig ergriff. Benommen schaute Dennis auf den Prospekt für Zanders Fitnessstudio und fragte erstaunt: „Seit wann interessierst du dich für Fitness in den Wechseljahren?“

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