Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Dezember, 2014

(306) Im Radiobericht klang das so beiläufig: ‚Eine Hundertschaft durchkämmte den Wald.

Im Radiobericht klang das so beiläufig: ‚Eine Hundertschaft durchkämmte den Wald.‘ Als ob es ein einfacher Waldspaziergang sei. Private Garrett Hanson wusste es definitiv besser. In einer ganzen Reihe von Armeesoldaten durch den Wald zu gehen und dabei mit einer Sonde nach irgendetwas Verdächtigem zu suchen, war sehr anstrengend. Besonders, wenn es dabei regnete und einem die Uniformjacke nass am Rücken klebte. Das war nicht der Grund gewesen, warum er den Argyll and Sutherland Highlanders beigetreten war. Der genaue Grund war zwar die allgemeine Perspektivlosigkeit gewesen, aber das spielte jetzt keine Rolle. Er war ein Soldat, stationiert in den Howe Barracks in Canterbury, bereit, für sein Vaterland alles zu geben. Und das Vaterland schickte ihn mit einem Stöckchen in den Fishpond Wood, um nach zwei verschwunden Zivilisten zu suchen. Ein Mann und eine Frau vom English Heritage. Den Wagen hatte man am Boughton Bypass gefunden, aber man nahm an, dass die beiden sich im Wald verirrt hatten. Und Schwupps bestellte man eine Hundertschaft, um den Wald zu durchkämmen. Und dabei war es eigentlich ein Urlaubstag von Private Hanson. Er wollte in London sein, um mit Jenny, seiner Freundin, die in London lebte, und ihren Freunden einen Pub crawl zu machen. Sie arbeitete bei Selfridge’s in der Parfümabteilung. Wenn er nicht auftauchte, war er der Soldatendepp, der nie Zeit hatte, weil er mit seinesgleichen durch den Wald marschieren musste. Eigentlich hatte man ihnen zugesagt, dass sie abgelöst würden, aber sicher war das nicht. Hanson war ständig dabei, sich in Gedanken den Busfahrplan zur Victoria Station vorzunehmen und jeweils immer den nächsten Bus herauszusuchen, den er nehmen könnte. Zuerst musste er noch zurück in die Kaserne, kurz duschen und dann eine Viertelstunde zu Fuß zum Busbahnhof in Canterbury. Der Bus schaffte es dann in 100 Minuten nach London.

Wieder hatten sie eine Bahn abgelaufen. Sie verlegten ihre Position nach links, so wie der Sergeant es ihnen anwies und dann ging es wieder mit dem Sondierstöckchen los in die andere Richtung. Wenn ein toter Baum im Weg lag, oder ein Graben überquert werden musste, machte der ganze Suchtrupp halt, während ein paar von ihnen genauer hinschauten oder in den Graben hinunter stiegen, um zu sehen, ob es vielleicht etwas im Wurzelwerk gab. Eigentlich hoffte Hanson, dass die Verschwundenen nicht von ihnen entdeckt werden würden. Er hatte nichts gegen die Leute vom English Heritage, aber sie waren bestimmt mittlerweile tot. Er hatte keine Lust, die Sonde in eine Leiche zu stecken. Andererseits konnten sie dann vielleicht in die Kaserne zurückkehren. Jetzt hob der Sergeant schon wieder die Hand. Wahrscheinlich wieder ein Graben, der durchsucht werden musste. Bisher hatte Hanson sich gedrückt, weil er nicht auch noch nasse Füße bekommen wollte. Aber dann war es soweit. Eine Ersatzmannschaft war angekommen und sollte die Suche weiterführen. Die beiden Hundertschaften stellten sich über die ganze Breite der Kette voreinander und es kam zur Übergabe der Sondierungsstäbe. Man wünschte sich Glück und Hanson sah mit Freude, dass ein Bus auf sie wartete, um sie in die Howe Barracks zu bringen. Jetzt konnte der bessere Teil des Tages beginnen.

(305) Als das Feuer wieder im Kamin brannte und der Tee in den Bechern dampfte…

Als das Feuer wieder im Kamin brannte und der Tee in den Bechern dampfte, fühlte Fay Wright sich gleich besser. Als das Feuer niedergebrannt und der Tee ausgetrunken war, stellte sich die Frage, wer wo schlafen würde. Sie inspizierten die beiden Schlafzimmer und Fay roch an der Bettwäsche. Sie schien unbenutzt. Sie entschied sich für eines der Schlafzimmer. McDermott sagte, dass er unten im Wohnzimmer auf dem Sofa schlafen würde. Falls die Hausbewohner zurückkämen, würden sie zuerst ihn finden und er konnte die Situation erklären. Das beruhigte Fay. Als McDermott die Treppe hinunterging, schloss sie die Tür und verriegelte sie. Sie zog sich bis zur Unterwäsche aus und legte sich ins Bett. Es war wie früher in einer Jugendherberge, sagte sie sich und schlief ein.

Es musste die Musik sein, die sie geweckt hatte. Akkordeonmusik hatte sie wachgekitzelt. Als sie sich erinnerte, wo sie sich befand, schreckte sie mit einem Ruck hoch. Sie knipste das Licht an und lauschte mit angehaltenem Atem. Die Musik kam von unten. Es war zwei Uhr, sagte ihre Armbanduhr. Keine Uhrzeit für Akkordeonmusik. Sie zog sich schnell an und schloss die Tür auf. Die Musik war nicht allzu laut, aber sie konnte sie gut hören. Von unten schien Licht die Treppe herauf. Sie musste sich überwinden, aber dann ging sie hinunter, beugte sich über das Geländer, um zu sehen, was unten geschah. Aber sie konnte nichts erkennen. Sie stand am Fuß der Treppe und die Musik kam aus dem Wohnzimmer. Sie ging hinein, aber es war leer. Auf dem Sofa lag eine zurückgeworfene Decke, als ob McDermott mit einem Ruck aufgestanden war. So wie sie… Die Musik kam jetzt aus dem Flur. Sie ging ihr hinterher und stand dann vor einer Tür, die sie vorhin nicht probiert hatten. Es sah aus wie die Kellertür. Fay schaute sich um. Die Haustür war verschlossen und sonst war niemand im Erdgeschoss. Sie probierte die Kellertür, sie war unverschlossen. Musik drang nach oben, aber es war dunkel und roch muffig. Fay hatte feuchte Hände. Sie rief „Hallo“ die Holztreppe hinunter. Es hatte keinen Einfluss auf die Musik, die unverändert weiterspielte. „Mr McDermott?“ Auch darauf gab es keine Antwort. Neben der Tür war ein Lichtschalter. Sie drückte ihn. Eine fahle Glühbirne hing an einem Kabel in der Treppe und erhellte sie. Unten schien der Boden aus gestampfter Erde zu bestehen. Die Wände waren nur grob verputzt und die Treppe vor langer Zeit einmal weiß gestrichen. Fay setzte einen Fuß auf die Treppe und dann den anderen. Eigentlich fand sie ihre Angst lächerlich. Sie wollte der Sache mit dem Akkordeon und dem verschwundenen McDermott auf den Grund gehen. Wahrscheinlich hatte er ein Akkordeon gefunden und foppte sie jetzt. Sie ging die Treppe hinunter. Als sie den Fuß auf den Lehmboden setzte, erlosch das Licht. Erstarrt blieb sie stehen und hörte dann die Kellertür hinter ihr zufallen. Es war stockduster um sie herum.

(304) Skybreak House war einer der Drehorte von Kubricks Clockwork Orange.

„Skybreak House war einer der Drehorte von Kubricks Clockwork Orange“, erzählte Fay, während sie den Wagen die dunkle Straße entlang steuerte. Nebelschwaden huschten auf sie zu und verschwanden, wenn sie nahe genug dran kamen. „Echt?“, sagte McDermott. Den Beifahrersitz hatte er so weit nach hinten geschoben, dass er die Beine übereinanderschlagen konnte. „Kaufen wir jetzt auch schon Drehorte auf? Dann müssten wir ja London in seiner Gesamtheit erwerben.“ Fay dachte, dass das gar nicht abwegig war, denn nach dem letzten Bericht kaufte English Heritage immer mehr Gebäude in London.

„Nein der Grund liegt darin, dass das Haus von Team 4, einem Architektenbüro gebaut wurde. Team 4 gibt es nicht mehr, aber dazu gehörten Norman Foster und Richard Rodgers.“ – „Sir Richard und Sir Norman, so viel Zeit muss sein“, sagte McDermott gerade im Scherz, als der Motor des Wagens zu stottern anfing und dann eine dunkle Wolke aus dem Motorraum kam. Dann war es still.

Fay drehte den Schlüssel, um den Motor wieder anzulassen, aber sie scheiterte. Beide hatten keine Ahnung von Motoren und waren sich einig, dass es sinnlos war, einen Blick unter die Haube zu werfen. „Der letzte Ort liegt viele Meilen hinter uns. Ich schlage vor, wir gehen in Richtung London weiter, bis wir ein Haus finden oder ein Auto, das uns mitnimmt.“ McDermott grummelte, hatte aber keine Wahl, denn es wurde kalt im Talbot, seit die Heizung ausgefallen war.

Nach einer guten Viertelstunde, in der sie nicht einmal ein Auto gesehen hatten, kamen sie zu einem einsamen, niedrigen Einfamilienhaus, das neben der Straße an einem See stand. Ein Fenster war erleuchtet. Sie klopften an die Tür, nichts geschah. Sie klopften lauter und probierten schließlich die Klinke. Die Tür war unverschlossen. Fay rief ein fröhliches Hallo ins Haus hinein, aber es kam keine Antwort. „Wollen wir reingehen“, flüsterte Fay. „Warum flüstern Sie“, entgegnete McDermott und stapfte an ihr vorbei.

Das Haus war leer, schien aber bis vor Kurzem noch bewohnt zu sein. Die Asche im Kamin gloste noch. Licht war an in dem kleinen engen Wohnzimmer und in der Küche. Oben unter dem Dach gab es zwei Schlafzimmer mit je einem ordentlich gemachten Einzelbett. Es gab kein Telefon. Alles war sauber und gut in Schuss, aber es war niemand da. „Mir ist es etwas unheimlich hier“, sagte Fay. „Ach was, wenn keiner da ist, ist es auch nicht unheimlich“, entgegnete McDermott. „Wollen Sie uns nicht einen Tee machen und ich bring den Kamin wieder zum Brennen. Vielleicht mussten die Besitzer ganz schnell weg und haben vergessen abzuschließen. Keine Ahnung. Na, sie werden uns wohl nicht vor die Tür setzen, in dieser Dunkelheit. Und morgen, gehen wir frohgemut unseres Weges.“ Fay fragte sich, ob es nicht doch besser für sie gewesen wäre, nicht ganz so abweisend zu reagieren und mit McDermott in Folkestone zu bleiben.

(303) Eigentlich war es Damien McDermott ganz recht…

Eigentlich war es Damien McDermott ganz recht, dass das Gespräch mit Fenton länger gedauert hatte. In der Zwischenzeit waren der Geometer und der Historiker nach London zurückgefahren. Nur Fay Wright, seine Assistentin, hatte auf ihn gewartet. Da McDermott es immer für unnötig gefunden hatte, den Führerschein zu machen, musste Fay ihn überall in seinem Dienstwagen, einem Talbot Avenger, hinfahren. Bisher hatte sie seinen Avancen immer standgehalten, aber McDermott war ein ewiger Optimist. Und wenn sie auch weiterhin nicht wollte, dann musste er sie ersetzen.

In Folkestone hielten sie bei einem Hotel, das McDermott schon kannte. Er setzte sich ins Restaurant, um seine Notizen zu vervollständigen, sie sollte ein Zimmer besorgen. Dann bestellte McDermott Essen für sie beide.

„Fenton wird verkaufen, das spüre ich. Es geht ihm nur ums Geld. Diese Farmer drehen doch jedes Pfund mehrmals um. Oder, Fay?“ Sie schrieb selbst ein paar Notizen auf ihre Unterlagen, damit es etwas zum Nachschlagen gab, wenn McDermott seine Notizen nicht mehr lesen konnte, was öfters vorkam. „Gab es denn etwas Konkretes, das er Ihnen mitteilte?“ – „Das was sie immer sagen: dass sie nachdenken müssen. Pah, ich rufe ihn morgen an und sage, dass das Projekt auf der Kippe steht und dass er sich gefälligst entscheiden soll.“

Das Essen kam. „Aber jetzt wollen wir essen. Und dann wollen wir doch mal schauen, was es hier in Folkestone gibt, was wir beiden Hübschen heute Abend hier unternehmen können.“ – „In Folkestone gibt es nichts Nennenswertes, ich war schon mal hier.“ – „Oh, das ist aber schade, dann müssen wir uns ja miteinander beschäftigen. Da bleibt uns nichts anderes übrig. So ein Ärger aber auch.“ – „Dazu haben wir keine Zeit, wir müssen morgen früh los, denn man erwartet uns in Hertfordshire.“ McDermott stöhnte. „Skybreak House? Sie brechen mir das Herz. Heißt das, Sie werden nach dem Essen wie immer in null Komma nichts stante pede auf Ihr Zimmer flüchten?“ Fay nickte und ihr Lächeln hatte etwas Triumphierendes. „Nein, diesmal nicht.“ Er wartete, wie sie darauf reagieren würde und nahm einen Schluck von seinem Gin Tonic. „Wir müssen sehr früh raus“, wiederholte sie. „Dann fahren wir gleich heute Abend weiter. Ich will nicht an einem Ort bleiben, wo es gar nichts gibt.“ McDermott schob seinen Teller von sich und rief den Kellner. „Ich möchte zahlen“, sagte er. „Aber, was ist mit den Hotelzimmern?“ – „Sie haben sie gefunden, Sie werden sie bestimmt auch wieder loswerden, Fay.“ Damit stand er auf, griff den Kentish Express, der auf der Sitzbank neben ihm lag. „Ich muss noch mal für Königstiger und dann machen wir gleich den Abflug aus dem desolaten Folkestone.“

Eine halbe Stunde später waren sie im Auto und fuhren Richtung London. „Wissen Sie, was ich in diesem Käseblatt gelesen habe? Dieser Fenton, der züchtet eine besondere Rasse von Rindern, die er mit Bier füttert. Kostet wohl ein Schweinegeld, soll aber besser schmecken als alles andere Fleisch. Vielleicht ist der Kerl doch nicht auf das Geld aus. Irgend so ein Exzentriker, der sich um seine ausländischen Kühe kümmert und dem English Heritage die kalte Schulter zeigt. Abscheulich, ist es nicht?“

(302) Die beiden Mickymaus-Ohren ragten hinter den Bäumen heraus.

Die beiden Mickymaus-Ohren ragten hinter den Bäumen heraus. Alle in der Gegend nannten die riesigen Betonschalen so. 9 Meter ragten sie in die Höhe. Sie waren schon da gewesen, als Herb Fenton zur Welt kam. Es waren Relikte aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, als der Radar noch nicht erfunden war. Gebaut wurden die Muscheln, um Flugzeuge schon von Weitem orten zu können. Die Geräusche brachen sich an dem Beton und wurden zur Mitte hin fokussiert. Mit Mikrofonen konnte man dann bestimmen, woher das Flugzeug kam. Jetzt standen sie mitten in Fentons Weide. Er hatte kein Problem damit. An manchen heißen Tagen spendeten sie seinen Kühen sogar willkommenen Schatten.

Als er an der Weide ankam, stand eine Gruppe von Leuten um die eine Betonmuschel herum. Es waren keine Menschen aus der Gegend, Fenton hatte sie noch nie gesehen. Eine Frau und drei Männer. Fenton blieb in zehn Meter Entfernung stehen und beobachtete sie. Der ältere der Männer redete mit der Frau, die in einem Bündel Papiere etwas nachschaute. Dann kam der Mann auf Fenton zu. „Sind Sie Herb Fenton?“ Fenton sagte nichts, machte nur eine leichte Bewegung mit dem Kopf und blinzelte den Mann weiter an. „Ich bin Damien McDermott. Wir sind vom English Heritage. Vom Staat. Wir kümmern uns um historisch bedeutsame Gebäude.“ – „Vom Staat sagen Sie?“ Fenton musterte den schwabbeligen Mann in Anzug und Krawatte, der wirklich wie ein Büromensch aussah. Schließlich streckte Fenton die Hand aus und die beiden Männer begrüßten sich. McDermott erklärte, dass man die Akustischen Spiegel, wie er die Mickymausohren nannte, schützen wollte, weil sie so bedeutsam für England seien. „Na, meine Kühe nagen die Dinger nicht an. Das ist der Seewind, der macht auch vor Beton nicht halt.“ – „Ganz genau“, sagte McDermott. „Und wir wollen das Gelände interessierten Menschen zugängig machen.“ Fenton kniff die Augen zusammen. „Das werden meine Kühe nicht mögen. Und ich auch nicht.“ – „Wir würden Ihnen das Gelände abkaufen. Zu Marktkonditionen.“ Fenton hob die Augenbrauen. Damit hatte er nicht gerechnet. In seinem Hirn ratterte es. Er könnte das Land verkaufen, das Geld in die Kobe-Zucht stecken, für die er weit weniger Land brauchte, und zusätzlich noch Hilfskräfte einstellen. Aber dann sollte es schon mehr sein, als der Marktpreis. Immerhin hatte er einen Trumpf, man konnte die Muscheln nicht abtransportieren, sie waren einfach zu fest im Boden verankert. Das hatte schon sein Vater nach dem Krieg erkennen müssen, als er dem Beton mit Dynamit auf die Pelle rückte. Es hatte rein gar nichts genutzt. Gut so. „Nein, das kann ich nicht machen. Das ist eine gute Weide.“ – „Kommen Sie, Mr Fenton. Da werden wir doch bestimmt eine Lösung finden.“ Der Farmer steckte die Hände trotzig in die Taschen seiner Tweedjacke und ging wieder zurück in Richtung der Farm. Er wusste, dass McDermott ihm folgen würde.

(301) „Was für ein Mist“, murmelte Herb Fenton und warf die Zeitung auf den Tisch.

„Was für ein Mist“, murmelte Herb Fenton und warf die Zeitung auf den Tisch. Er hatte der Journalistin vom Kentish Express während zwei Stunden den Hof und die Kühe gezeigt, und dann kam so was raus. Titelzeile ’40 Pints für Ollie und George‘. Wahrscheinlich würde er sich jetzt mit wildgewordenen Tierschützern prügeln müssen, die nicht wollten, dass er den Kühen Alkohol gab. Er hätte seine Klappe halten sollen und nicht davon im Pub erzählen. So kam die Zeitung ja erst drauf. Immer auf der Suche nach einer Sensation. Kühe trinken Bier. Ei der Daus. Er hätte sich einfach zufrieden schätzen sollen, dass er mit dem Fleisch der Tiere in London ganz vernünftige Preise erzielen konnte.

Die Mittagspause war zu Ende. Farmer Fenton stand auf, legte die Lesebrille in das abgewetzte Lederetui zurück und verstaute das in seiner Tweedjacke. Im Flur zog er die Gummistiefel an und ging hinaus. Er wollte zu den Mickymausohren gehen, um zu sehen, in welchem Zustand die Weide war. Vielleicht würde er die Kühe nächste Woche dort grasen lassen. Natürlich nur die normalen Kühe.

Früher hatte er nur normale Kühe und ärgerte sich, dass der Fleischpreis immer mehr in den Keller ging. Alle wollten immer weniger für gutes Essen zahlen. Dann hatte er im Fernsehen einen Film über Japan gesehen, in dem Kobe-Rinder vorkamen, die etwas ganz Besonderes waren. Sie wurden mit großem Aufwand gepflegt, bekamen Bier zu trinken und wurde sogar massiert. Dadurch wurde ihr Fleisch mit einer ganz feinen, wohlschmeckenden Fettmaserung durchzogen. Eine Offenbarung waren für Fenton die Preise, die für Kobe-Fleisch gezahlt wurden. Er informierte sich weiter und begann dann seine eigene Zucht. Natürlich war es nicht perfekt und bestimmt nicht mit den japanischen Vorbildern vergleichbar, aber das Fleisch kam sehr gut an und die sechs Kühe, die er so aufzog, brachten mehr ein als die 30, die er auf herkömmlichen Weg grasen ließ. Er würde die ganze Herde umstellen, brauchte dafür aber Hilfe. Seit seine Frau Jenifer vor fünf Jahren von einer Kuh im Stall erdrückt worden war, musste Fenton alles alleine machen und das war sehr anstrengend.

Aus Tradition nannte er die beiden jeweils vielversprechendsten Kobe-Tiere jedes Jahr Ollie und George, nach Ollie Reed, der Schauspieler und George Best, der Fußballer. Beide hätten locker mit den Kühen in puncto Biertrinken mithalten können. Das Fleisch der Tiere schmeckte hervorragend, viel besser als alles andere, was er vorher produziert hatte oder was Greyhurst, der lokale Metzger anbot. Das wirkliche Kobe-Fleisch hatte er noch nie probiert, es war einfach zu teuer für ihn. Es war auch nicht einzusehen, warum man Rindfleisch um den ganzen Globus fliegen sollte. Er war überzeugt, dass sein Fleisch mit dem japanischen bestimmt mithalten konnte. Japanisches Bier hatte er schon einmal probiert und Kent’s Best, das lokale Ale, war viel besser.

(300) Was ist Ihr nächstes Projekt, Herr Scherf?

„Was ist Ihr nächstes Projekt, Herr Scherf?“, fragte Renate Knebel, als die Radiosendung fertig war und Scherf das eigene Exemplar seines Buches wieder in die Aktentasche steckte. „Über meine Beschäftigung mit Keith Moon bin ich, wie vorhin schon erwähnt, mit Oliver Reed in Verbindung geraten. Ein äußerst interessanter Mann.“ – „Ein Trunkenbold, nicht wahr“, sagte Frau Knebel. „Auch, ganz gewiss. Aber das ist alles so hinreichend bekannt, da brauche ich nichts mehr darüber zu schreiben. Nein, es gibt eine zweite Leidenschaft, wenn Sie so wollen, im Leben von Robert Oliver Reed. Das waren die Frauen.“ – „Was Sie nicht sagen, Herr Scherf. Wäre das auch ein Thema für eine künftige Sendung?“ Scherf zögerte, klappte dann aber seine Aktentasche wieder auf und nahm einen Stoß Papier heraus, den er Frau Knebel überreichte. „Das hier ist ein Exposé, das ich für meinen Verleger erstellt habe.“

Frau Knebel steckte das Dokument ein und las es erst am nächsten Tag. Danach verfasste sie folgende Notiz an Scherf: ‚Sehr geehrter Herr Scherf, vielen Dank für Ihre Teilnahme an meiner Sendung und Danke auch für die Übersicht zu Ihrem Projekt Oliver Reed und die Frauen. Ich bin nicht nur zu der Erkenntnis gelangt, dass das Projekt nicht für meine Sendung taugt, ich möchte Sie auch bitten, die Sinnhaftigkeit selbst Ihres Projekts zu überdenken. Vielleicht helfen Ihnen die folgenden Zitate von Reed, die ich teilweise selbst recherchiert habe. Sie sind zwar aus dem Kontext gerissen, aber dennoch alle real. Hier sind die Zitate:

  • „Ich sehr zwar aus wie ein Lastwagen, aber die Frauen wissen, dass da drin ein V8-Motor brummt.“
  • „Frauen werden den Männern nie vergeben, dass sie von ihnen penetriert werden. Egal wie wir es tun, im Stehen, im Liegen oder an den Vorhängen schaukelnd, die Männer sind diejenigen die vögeln und die Frauen werden gevögelt. Sie nehmen unseren tollen Samen in sich auf. Sie sind die Empfänger und wir sind die Spender. Und sie, verdammt noch mal, lieben es.“
  • „Was ich an Frauen mag, sind die Nippel. Ich bin definitiv ein Nippelmann. Brüste insgesamt.“
  • „Glauben Sie wirklich, dass Frauen den Geschmack von Sperma mögen? Ich denke, dass es so sein muss. An meinen ersten Blowjob erinnere ich mich noch sehr gut. Ich habe dabei ständig gedacht, ob sie weiß, dass ich bald in ihrem Mund kommen werde.“

Ich habe auch gelesen, dass die Schauspielerin Shelley Winters im amerikanischen Fernsehen eine Karaffe mit Whisky über Reeds Kopf geschüttet hat wegen seiner sexistischen Sprüche. Ich kann das gut verstehen. Wenn Sie dieses Buch schreiben, dann würde ich in meiner Sendung zwar keinen Whisky über Sie ausgießen, dafür aber heißen Kräutertee. Beste Grüße, Ihre Renate Knebel.“

(299) Für die Zuhörer, die erst später eingeschaltet haben…

„Für die Zuhörer, die erst später eingeschaltet haben: Wir haben heute zu Gast den Kulturjournalisten Rufus Scherer, der uns sein Buch ‚Musiker die starben, bevor sie 33 wurden‘ vorstellt. Mein Name ist Renate Knebel.“ Renate drückte auf die Räuspertaste und räusperte sich. „Herr Scherer, Sie haben in ihrem Buch die Geschichten von Leuten wie Amy Winehouse, Tupac Shakur oder Sid Vicious und Nancy Spungen beschrieben. Nun gibt es ja keinen Mangel an Musikern, die jung gestorben sind. Wie haben Sie ihre Auswahl getroffen?“ – „Ich habe keine natürlichen Todesfälle angeschaut und auch keine Flugzeugunglücke oder Ähnliches. Es sind alles mehr oder weniger selbst verschuldete Todesfälle.“ – „Nun ja, bei Nancy Spungen war es Mord.“ – „Das ist richtig, aber die Nähe zu Sid Vicious‘ Tod war mir wichtig. Er wurde ja angeklagt, starb aber, bevor es zum Prozess kam.“ – „Glauben Sie denn, dass er der Täter war?“ – „Das ist eine gute Frage, über die wir Musikhistoriker schon so manche Nacht diskutiert haben. Meine persönliche Meinung: Er war es, aber mehr aus Notwehr. Nancy war eine tief gestörte Persönlichkeit und sie hat eigentlich allen das Leben zur Hölle gemacht. Sid war ja eigentlich ein netter Junge, aber der gemeinsame Einfluss von Nancy und Heroin haben ihn zur Bestie werden lassen.“ – „Klare Worte. Wir haben eine Frage von einem Zuhörer. Klaus aus Mannheim möchte wissen, was Sie von Keith Moon halten.“ – „Keith Moon, Schlagzeuger bei The Who, ist natürlich auch in meinem Buch enthalten. Gestorben mit 32 Jahren, gerade an der Grenze. Keith Moon ist ohne Zweifel der witzigste Musiker, der starb, bevor er 33 wurde. Er hatte einen wirklich wilden und exzessiven Lebenswandel. Man nannte ihn nicht umsonst ‚Moon the Loon‘, Moon der Verrückte. Alkohol- und Drogen begleiteten ihn. Dazu Zerstörungsorgien in Hotels. Bei manchen Hotelketten wie Hilton, Holiday Inn oder Sheraton hatte er Hausverbot. Insbesondere weil er Sprengstoff, teilweise sogar Dynamit, in Klos versank und diese sprengte. Aber auch musikalisch ist er bemerkenswert, weil er neben den ganzen Showeinlagen auch Talent hatte und das Schlagzeug als ein wirkliches Soloinstrument einführte.“ – „Was mir auch gut gefiel in Ihrem Buch ist die Freundschaft zwischen Keith Moon und dem Schauspieler Oliver Reed.“ – „In der Tat. Die beiden haben sich kurz vor den Dreharbeiten von ‚Tommy‘ kennengelernt. Und das ging so: Moon wollte sich das Haus von Reed anschauen und flog mit einem Helikopter dorthin. Das Haus war im Süden von England. Als der Helikopter ankam, lag Reed in der Badewanne. Der Lärm machte seine Pferde unruhig und Reed lief hinaus, völlig nackt, aber mit einer Schrotflinte bewaffnet und schoss auf den Hubschrauber. Um das Schlimmste zu vermeiden, ist der Hubschrauber gelandet und die beiden haben sich kennengelernt. Reed sagte später immer, dass Moon ihm die verrückte Seite des Lebens beigebracht hatte. Wobei Reed selbst beileibe kein Kind von Traurigkeit war. Allerdings starb er erst mit 61 Jahren.“

(298) Es gibt Ärger in Zimmer 100.

„Es gibt Ärger in Zimmer 100.“ Herman Ramos, der Portier im Chelsea Hotel, war einiges gewohnt. „Wer ist denn dran?“, fragte er. Aber der Anrufer wiederholte nur den gleichen Satz und legte auf. Der Anruf war von draußen gekommen. Der Portier zuckte mit den Schultern und legte ebenfalls auf. „Charles!“, rief er nach hinten. Der Hotelpage kam zu ihm. „Geh mal zu Zimmer 100 und schau nach, ob alles ok ist. Da wohnt ein Pärchen. Etwas durchgeknallt, besonders sie. Hast du deinen Generalschlüssel?“ Charles zog ihn aus der Tasche und zeigte ihn. Dann sprintete er zur Treppe und lief nach oben.

In Zimmer 100 war es ruhig. Nachdem er ein paar Augenblicke am Türblatt gehorcht hatte, klopfte er leise und dann noch einmal lauter. Es kam keine Antwort. Leise führte Charles den Schlüssel in das Schloss und sperrte die Tür auf. Die Vorhänge waren geschlossen und es war etwas unheimlich, wie sie sich bewegten. Das Fenster war offen. „Hallo?“, fragte Charles und als niemand antwortete, ging er beherzt hinein und zog die Tür hinter sich zu. Im Zimmer lagen drei große Koffer und überall waren Harrodstüten verstreut. Das große Bett war zerwühlt und die Laken hatten dunkle Flecken. Charles trat näher und sah, dass es Blutflecken waren. Vor Anspannung hielt er den Atem an.

Die Tür zum Bad war angelehnt. Er klopfte noch einmal, mehr um Zeit zu gewinnen, als um zu hören, ob jemand da war. Er drückte die Tür auf, bis sie von etwas blockiert wurde. Weit genug, dass Charles hineingehen konnte. Am Boden lag eine Frau in Unterwäsche, ihr Körper war blutverschmiert. Sie lag auf dem Rücken und schien eine Wunde am Bauch zu haben, aus der das Blut ausgetreten war. Ihr Kopf lag unter dem Waschbecken und Charles konnte nicht sehen, ob sie die Augen aufhatte oder nicht. Nur ihre platinblonden Haare sah er. Obwohl er bisher keinen toten Menschen gesehen hatte, war Charles sicher, dass die Frau nicht mehr lebte. Sie lag da, bekleidet mit einem schwarzen Büstenhalter und einer schwarzen Unterhose, beide getränkt von ihrem eigenen Blut, inmitten einer ganzen Pfütze von Blut.

Charles brauchte etwas, bevor er seinen Blick von der Toten lösen konnte. Dann ging er aus dem Zimmer und verschloss aus Gewohnheit die Tür wieder hinter sich. Als er ein paar Schritte den Flur hinunter gegangen war, drehte er sich um, um zu sehen, ob er Blutspuren hinterließ. Aber da war nichts. Schnell lief er die Treppe hinunter um Herman, den Portier, zu informieren. „Sie liegt tot im Badezimmer. Alles blutig“, sagte Charles. Herman nahm das Telefon und rief einen Krankenwagen und gleich auch die Polizei.

Charles saß dann auf einem Stuhl hinter der Empfangstheke und zitterte, als ob ihm kalt wäre. Herman legte eine Decke um seine Schultern und holte ihm einen Kaffee. Der Tod war Stammgast im Chelsea Hotel.

(297) Ich bin froh, Sathinee, dass sie dich nicht rausgeworfen haben.

„Ich bin froh, Sathinee, dass sie dich nicht rausgeworfen haben“, sagte Tracy. Es war zwar nur eine Bandprobe, aber auch dabei trug sie die silbernen Jeans, die zum Erkennungszeichen der „The Silver Punkettes“ gehörten. Vier Mädchen hatten die Band in der Schule gegründet, neben Tracy und Sathinee waren es Sidney und Olivia. Als es danach aussah, dass Sathinee gehen musste, weil ihre Mutter das Schulgeld nicht mehr zahlen konnte, hatten sie ein Konzert organisiert, um gemeinsam das Geld einzutreiben. Zwar hatte Sathinees Mutter das Geld irgendwie auftreiben können, aber das Konzert wollten sie immer noch geben. Die Karten für den Schulfestsaal waren auch schon ausverkauft. Leider hatte die Schuldirektorin darauf bestanden, dass es nur Sitzplätze gab. Die vier Mädchen hatten zwar schon für Freunde auf Partys gespielt, aber das hier war die erste Möglichkeit, sich einem größeren Publikum zu zeigen. Der Name der Band kam von Tracy. Sie wollte Rebellion mit Glam-Chic vermischen. Außerdem fand sie, dass Silber ihr sehr gut stand und sie hatte auch schon eine silberfarbene Gitarre. Sathinee sang, Sidney spielte Bass und Olivia saß am Schlagzeug. Die vier waren nicht wirklich Punkerinnen, aber die Attitüde und die Möglichkeit, sich demnach zu kleiden, fanden sie gut. Am Anfang hatte die Direktorin Bedenken gehabt, aber dann hatte Tracys Vater mit ihr gesprochen und sie hatte ihnen sogar einen Proberaum genehmigt. Es war ein etwas muffiger Kellerraum im Tunnel zwischen Hauptgebäude und Turnsaal, aber besser als nichts.

Als die anderen beiden im Proberaum ankamen, sagte Tracy, dass sie sich Gedanken gemacht hatte wegen der Setliste. „Ich denke, wir fangen mit ein paar Klassikern an: ‚Anarchy in the UK‘ und ‚God Save the Queen‘. Danach würde ich alle Tracks von ‚Sid sings‘ spielen, in der gleichen Reihenfolge. Was meint Ihr?“

Sidney sah skeptisch aus. „Sid Vicious ist etwas schwach am Bass. Der Mann konnte gar nicht spielen.“ Olivia sagt: „Das ist etwas zu viel vom Gleichen. Etwas mehr BTK wäre nicht schlecht.“ Tracy gab sich großzügig: „Na gut, nehmen wir noch ‚Swinging by‘ von BTK dazu. Das gefällt mir auch sehr gut. Und die Basstracks bauen wir neu. Was meinst du, Sathinee?“

Eigentlich fand Sathinee, dass Tracy zu sehr Sid-fixiert war und sich selbst wohl als eine Art Nancy Spungen sah. Nancy Spungen ohne Heroin, wohlbemerkt. Aber sie wollte auch nicht undankbar sein, denn immerhin hatte Tracy sich mehr als alle anderen dafür eingesetzt, dass sie an der Schule bleiben konnte.

„Finde ich gut“, sagte sie. Sie überlegte sich, ob sie ihren Vater, den sie erst vor einer Woche zum ersten Mal gesehen hatte, zu dem Konzert einladen sollte. Sie musste mit ihrer Mutter darüber sprechen. Es war alles sehr verwirrend.