(275) Während Frau Bachmann gedankenversonnen vor dem im Leerlauf tuckernden Rasenmäher stand…

von Alain Fux

Während Frau Bachmann gedankenversonnen vor dem im Leerlauf tuckernden Rasenmäher stand, wurde ihr nach und nach bewusst, dass ein anderes Motorengeräusch immer lauter wurde. Als sie sich umwandte, sah sie ein schweres sportliches Motorrad die Straße heraufkommen. Das Motorrad war knallrot, der Lenker (in ihren Gedanken gab es nie einen Zweifel, dass dies ein Mann sein müsste) trug eine schwarze Lederkombi und einen Helm in der gleichen Farbe wie das Motorrad. Er blieb auf gleicher Höhe zu ihr stehen. Dazwischen lag nur eine niedrige Hecke aus Buchensträuchern, die Frau Bachmann in den nächsten Tagen zurechtstutzen wollte. Der Motorradfahrer hatte aber keinen Blick für wuchernde Hecken. Er stellte den Motor ab und stieg aus dem Sattel. Frau Bachmann konnte ihre Augen nicht abwenden. Irgendwie erinnerte sie der Mann auf dem Motorrad an einen Studienkommilitonen, der natürlich auch ein Motorrad besessen hatte und mit dem sie sehr oft Ausflüge in die nähere Umgebung gemacht hatte. Dann hatte sie Nikolaus kennengelernt und den Motorradbesitzer verdrängt. Aber sie wischte auch diesen Gedanken weg.

Der Fremde trat an die Hecke und klappte das Visier seines Helms hoch. Darunter trug er eine verspiegelte Pilotenbrille. Obwohl oder gerade weil Frau Bachmann seine Augen nicht sehen konnte, fühlte sie sich ihnen ausgesetzt. Der Mann zog den Reißverschluss der Lederkombi auf und zeigte seine unbehaarte, muskulöse Brust. Frau Bachmann schluckte. Dann zog der Mann sich den Helm vom Kopf. Sie hielt den Atem an. Unter dem Helm kam eine dunkelbraune Haarmähne zum Vorschein, die ein schmales Gesicht und die Sonnenbrille umrandete. Er stellte den Helm, der vorne die Zahl ‚251‘ trug, auf die Hecke. Aus einer Satteltasche des Motorrads nahm er einen zweiten Helm heraus, auch er rot und mit der Aufschrift ‚271‘. Er stellte diesen neben den ersten. Frau Bachmann wagte es nicht, sich von der Stelle zu rühren. Dann nahm er seine Sonnenbrille ab. Er hatte Augen, grün wie Smaragde, sagte sie sich. Er steckte die Brille in die Brusttasche seiner Kombi.

So standen sie sich gegenüber, untermalt vom weitertuckernden Rasenmäher. „Frau Bachmann?“, fragte der Mann. Sie nickte begierig. Er hielt ihr den zweiten Helm hin. Sie ging zur Hecke und der Mann hob sie anscheinend mühelos über die Hecke an seine Seite. Schnell setzte sie den Helm auf und schwang sich hinter dem Mann in der Lederkombi auf den Sozius.

Das Motorrad fuhr mit unbeschreiblichem Getöse los. Frau Bachmann dachte noch kurz daran, dass sie vergessen hatte, den Motor des Rasenmähers abzuschalten, aber jetzt konnte sie darüber nur noch lachen.

Sie fuhren zuerst am Ufer des Sees entlang und an einer Abzweigung bogen sie in einen Waldpfad ein. „Wohin mag er mich wohl entführen?“, dachte sie. Doch dann wurde es immer dunkler, je länger sie in den Wald hineinfuhren. Und dann waren sie im dunklen Herz eines Fichtenwaldes, durch den kein Sonnenstrahl drang. Der Fahrer hielt das Motorrad an und vor ihnen, eingelassen im Waldboden, sah Frau Bachmann eine Grube von zwei Metern Länge.

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