(268) Mellors lebte in einem kleinen Schieferhaus, das abgeschieden außerhalb von Ambleside stand.

von Alain Fux

Mellors lebte in einem kleinen Schieferhaus, das abgeschieden außerhalb von Ambleside stand. Das Haus trug den Namen ‚Three Singing Pines‘. Als Connie Dormouse an die Tür klopfte, wusste sie nicht, was sie erwartete. Sie war aufgeregt. Es passierte nichts und sie klopfte noch einmal, etwas lauter diesmal. Dann wurde die Tür geöffnet. Ein Mann, etwas kleiner als sie, ungefähr gleichalt, aber mit mehr Runzeln und ausgeprägten Geheimratsecken im angegrauten Haar, schaute sie fragend über seine Halbbrille an. „Ich möchte Herrn Mellors sprechen“, sagte Connie tapfer. „Guten Tag“, antwortete der Mann. „Kommen Sie herein.“ Er führte sie durch den dunklen Flur in ein hohes helles Zimmer im hinteren Teil des Hauses. Der Raum ging bis unter das Dach und das Dach selbst bestand zu einem guten Teil aus Glas. In der Mitte stand eine Staffelei mit einer Leinwand. „Sie… sind Eamonn Mellors?“, fragte Connie. „Zu Diensten, Miss…?“ – „Connie Dormouse.“ Seine Hände waren weich und warm. „Ich komme von der Lake Artists Association. Wegen ‚Easedale Tarn‘.“ – „Ach ja, das hatte ich ganz vergessen. Ist es zu langweilig? Man hat mir in London immer vorgeworfen, zu banal zu malen. Ich hatte bei dem Bild versucht, etwas provokant zu sein, aber ich war mir nicht sicher. Was meinen Sie?“ – „Oh, es ist für uns ausreichend provokant…“ – „Ah schön, das freut mich.“ – „Vielleicht eine Spur zu viel…“ – „Zu viel Landschaft?“ – „Nein…“ – „Himmel?“ – „Auch nicht…“ Mellors schaute fragend. „Connie fasste sich ein Herz. „Zuviel Penis, Mr Mellors.“ – „Tatsächlich, Miss Dormouse?“ – „Ja. Nennen Sie mich Connie.“ – „Eamonn.“ Es war still. Er bot ihr einen Sitz an und setzte Tee auf. Sie ging umher und sah, dass die Leinwand auf der Staffelei leer war. Sie hatte etwas ganz anderes erwartet. Zum ersten Mal dachte sie nach, was sie eigentlich erwartet hatte. Einen selbstbewussten Sexprotz, um es auf den Punkt zu bringen. Und jetzt war sie im Atelier eines schüchternen Mannes, mit dem sie eine Seelenverwandtschaft verspürte. Technisch war Connie zwar keine Jungfrau mehr, aber wirklich viel Erfahrung hatte sie nicht mit Dingen ‚da unten‘. Männer machten ihr meistens Angst. Bei Eamonn war es ganz anders.

Als sie bei der zweiten Tasse Tee waren, fragte er sie, was sie denn wegen dem Bild vorschlage. Es schien, als ob er wirklich an ihrer Meinung interessiert sei. Sie meinte, dass er vielleicht ein hüfthohes Gestrüpp vor den Mann pflanzen könnte. „Wird das nicht zu bieder dann?“, fragte Eamonn, denn er war in London ganz anderes gewohnt. Dort hätte man wahrscheinlich eher von ihm verlangt, das Ding des Mannes zu verlängern und es ihm selbst ins Ohr zu stecken. „Nein“, meinte Connie, „das wäre perfekt.“ – „Kein Problem“, sagte Eamonn und wollte das Bild noch am gleichen Abend wieder abholen lassen. Connie war berauscht von dem Gefühl, dass ein Mann wirklich tat, was sie von ihm wollte. Sie schlug vor, gleich zusammen das Bild holen zu fahren, ihr Wagen stehe vor der Tür und das Bild passe hinein.

Als sie wieder zurück in den Three Singing Pines waren, fragte sie Eamonn, ob er Whisky habe. Nachdem sie sich Mut angetrunken hatte, fiel sie über den Maler her. Sie war wie eine Naturgewalt und Eamonn konnte und wollte sich nicht widersetzen.

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